2. April 2026
Afina – die Blaubeere/Erzählung von Annemarie Roth
Annemarie Roth, geboren 1958 in Marienburg bei Schäßburg, begann während der Coronazeit Erzählungen zu schreiben, die in Siebenbürgen spielen und eine Mischung aus realen Begebenheiten und Fiktion sind. In der SbZ Online wurden bisher neun ihrer Erzählungen veröffentlicht.

Dieser Tage wurde sie ausnehmend intensiv, nachdem ich bei einem Spaziergang sah, wie der Bauer von nebenan seine zwölf Schafe vom Anhänger auf die umzäunte Weide trieb und diese, man könnte meinen fröhlich und ausgelassen, umhersprangen.
Ein paar Jahre lang hatten wir, als wir Kinder waren, zwei Schafe, die den Winter bei uns im Stall verbrachten. Kam nun der Frühling – ich weiß, dass die Bäume schon blühten –, wurden alle Schafe des Dorfes von zwei Hirten eingesammelt und außerhalb auf die Anhöhen getrieben, wo sie sich während der Weidesaison aufhielten, grasten und gediehen.
Es war also immer ein Erlebnis zu sehen, wie die Herde immer größer wurde, wie die Schafe sich zuerst lautstark weigerten, die Besitzer sie durchs Tor hinausschieben mussten, sich dann aber in die große Masse einfügten und laut blökend und scheinbar glücklich ob der großen Gemeinschaft gleicher Wesen, eng gedrängt, in Richtung Ausgang des Dorfes zogen.
Die Hirten hielten sie mit Rufen und leichten Schubsern zusammen und ihre Hunde liefen gezielt um die Herde herum und trieben jedes Schaf, das ausbüxen wollte, zurück in den Pulk.
Draußen „äm mores“ wie wir sagten, auf der Sommerweide, lebten die Hirten unter einfachsten Bedingungen. Ihre Aufgabe war nicht nur das Hüten der Schafe bei Tag und bei Nacht, sondern auch das zweimalige Melken am Tag, die Zubereitung von landestypischem Käse und das Scheren. In Siebenbürgen hatte die Schafzucht eine jahrhundertelange Tradition.
Ein Bild drängt sich mir immer wieder auf im Zusammenhang mit den Schafen und dem Frühling.
Ich stehe neben dem Tor und sehe, wie unsere zwei Schafe herauskommen und an unserem blühenden Birnbaum vor dem Haus vorbei zur großen Herde laufen.
An unsere Obstgärten grenzte der Hattert, die Gemarkung an. Deren Weideflächen oder auch die Äcker gehörten früher den Dorfbewohnern. Hinter dem Hattert ging es über zum Teil recht steile Hügel zum höchsten Berg des Dorfes, zum „Herzbrich“, dem Herzberg, der bewaldet war.
Wollte man einen Ausflug machen, etwas in der Natur sein, lief man oft hinauf zu diesem Berg, von wo aus man eine wunderschöne Aussicht über das Tal und das Dorf hatte.
Wir, eine Gruppe von Freunden, etwa acht an der Zahl, machten an einem dieser ersten Frühlingstage, die einem mit ihrer Schönheit und Pracht fast den Atem nahmen und einen innerlich jubeln ließen, eine Wanderung zum Herzberg.
Der Hinweg war zwar beschwerlich, es ging nämlich hauptsächlich bergauf, wir schnauften und schwitzten unter diesen ersten Sonnenstrahlen, waren aber ausgelassen und bester Laune, scherzten und lachten, bis wir Seitenstechen hatten.
Wir wussten in etwa, wo die Hirten ihr Sommerlager hatten, wo sie die Schafe weiden ließen, und machten einen weiten Bogen darum. Wir wuchsen damit auf, dass man uns vor den Hütehunden warnte. Diese konnten schon auch eine Bedrohung sein, wenn sich jemand den Schafen und den Hirten, die sie zu beschützen hatten, näherte.
An einer bestimmten Stelle hörten wir aus einem weiter gelegenen Tal die Rufe der Hirten, aber für uns bestand keine Gefahr. Wir waren weit genug weg.
Im Wald und an der höchsten Stelle des Berges angekommen, aßen wir unsere Jause und verbrachten erzählend und herumalbernd Zeit miteinander.
Am frühen Nachmittag machten wir uns auf den Heimweg, immer noch in Hochstimmung.
Da es bergab ging, fingen wir alle irgendwann an zu laufen und machten ein Wettrennen bis zu einer bestimmten Stelle.
Die Jungen waren schon ein gutes Stück weg von uns Mädchen, als ich strauchelte und hinfiel. Mir war nichts passiert, also rannten die anderen weiter, forderten mich auf, mich zu beeilen, wir würden uns an dem vereinbarten Platz treffen.
Ich war gerade dabei, meine am Boden verstreuten Sachen einzusammeln, als ich einen Lufthauch spürte und ein strenger Geruch mir in die Nase stieg. Als ich aufsah, stand ein großer weißer, durch Schmutz eher grauer Hund fast über mir und fing mit angelegten Ohren an, mich zu beschnuppern. Ich erkannte, dass es eine Hündin war. Die Angst kroch mir in die Glieder, ich wurde ganz starr und wagte nicht mehr zu atmen. Der Instinkt sagte mir wohl, dass es klüger wäre, unbewegt sitzen zu bleiben. Die Hündin umkreiste mich und berührte sogar meine Hände mit der Schnauze, indem sie meinen Geruch tief einsog. Ich begann unkontrolliert zu zittern. Wo waren bloß die anderen? Wo die Hirten? Ich war mit diesem riesigen Tier mutterseelenallein und meine Furcht steigerte sich mehr und mehr. Die Hündin legte sich vor mir ab, schlug die Pfoten übereinander und musterte mich genau. Ab und zu hob sie die Nase und schnüffelte in meine Richtung. Sonst sah sie völlig entspannt aus. Wahrscheinlich wusste ich durch eine innere Eingebung oder weil uns der Überlebenswille es gelehrt hat, dass sie mich gestellt hatte und bewachte. Ich durfte auf gar keinen Fall loslaufen, wer weiß, was sie mir dann angetan hätte. Das dachte ich in dem Moment.
Die Zeit verstrich, es geschah nichts, außer dass ich eine Gefangene dieses Hundes war, der mich nicht aus den Augen ließ. Allmählich beruhigte sich mein Herzschlag wieder etwas und ich konnte klarer denken.
Schon als Kind habe ich, wenn ich Angst hatte, vor mich hingesungen oder gesummt.
Ich fing also an mit leiser, belegter und heiserer Stimme zu singen. Mehr war wegen der Enge in meiner Brust nicht möglich. Ich sang „Der Mai ist gekommen“. Wieso dieses Lied, fragte ich mich später. Na ja, wir waren im Mai und ein paar Tage zuvor, am 1. Mai, hatten unsere Adjuvanten, wie es Brauch war, vor den Häusern der Männer, die die Instrumente spielten, dieses Lied erklingen lassen und damit den Frühling willkommen geheißen. Es war das erste, das ich abrufen konnte.
Also sang ich der Hündin vor, dass der Mai doch gekommen sei, dass die Bäume ausschlagen und hoffte wahrscheinlich, dass ich meine Angst verliere und sie besänftigt würde.
Leider fiel mir in der Aufregung nur die 1. Strophe ein, die ich immer und immer wieder wiederholte. Kam ich an der höchsten Stelle an „… am himmlischen Zelt …“, schaute mir die Hündin direkt in die Augen, hob jedes Mal die Schnauze und ließ ein leises „Huh …“ vernehmen.
Hätte ich nicht so unter Anspannung gestanden, wäre es mir wohl gelungen, dem Ganzen etwas Lustiges abzugewinnen.
Es ist anzunehmen, dass ich die Strophe nicht zehn Mal, wie ich es im Gefühl hatte, sang, und auch habe ich bestimmt nicht Ewigkeiten lang dort gesessen, aber diese Zeit mit dem Hund dehnte sich ins Unendliche.
Aller Wahrscheinlichkeit nach war es für einen Außenstehenden auf den ersten Blick sogar ein friedliches Bild, das sich ihm da bot: Ein Mädchen und ein Hund in trauter Zweisamkeit, die sogar noch durch ein Liedchen verbunden waren, teilten sie es doch in gewisser Weise miteinander. Auch wenn der Hund nur einen einzigen meiner Töne hingebungsvoll unterstützte.
Auf jeden Fall hörte ich plötzlich eine kräftige laute Männerstimme rufen: „Afina? Afina!“
Und als er die Hündin sah: „Afina, vino încoace“, diesmal sehr streng. Der Hund sah mich nochmal an, jetzt liebevoller – so kam es mir zumindest vor – und eilte zu seinem Herrn. Der Mann war schnell bei mir, ein großer Hirte, der sich sofort um mich sorgte. Die Spannung fiel von mir ab und ich fing an zu weinen. Er kniete sich zu mir und strich mir mit einer riesigen rauen Arbeitshand, die nach Käse roch, immer wieder über den Kopf, bis meine Haare ganz platt waren, und ich dachte nur, wie schwer diese Hand doch ist. Er wiederholte ständig „Hai dragă, hai …“ und noch einiges, um mich zu beruhigen und zu trösten. Was es war, habe ich leider vergessen.
Er half mir hoch, ob alles wieder in Ordnung sei, wollte er wissen und wessen Kind ich wäre.
Dann lief ich mit zittrigen weichen Beinen zum Treffpunkt mit meinen Freunden. Sie warteten am Nussbaum hinten in unserem Garten, wandten mir ihre lachenden, vom Laufen geröteten Gesichter zu. Kinder sind unbedarft und leben im Jetzt, glücklicherweise. Mein Erlebnis belustigte sie eher, als dass sie sorgenvolle Mienen aufgesetzt hätten. Ich war ja wohlbehalten wieder da, und nur das zählte. „Afina heißt Blaubeere“, sagte Micki vergnügt und hüpfte davon.
Was für ein schöner Name für eine Hündin, dachte ich. Ich hatte eine einmalige, unvergessliche Begegnung an diesem sonnigen Maitag mit Afina, der Blaubeere. Das war doch im Grunde genommen schön.
Im Nachhinein konnte ich es als etwas Außergewöhnliches sehen und war manches Mal tief gerührt, wenn ich mir unsere Zweisamkeit vorstellte. Wer weiß letztendlich, was in ihrem Kopf vorging, als sie bei mir saß und auch noch meinem Liedchen lauschte. Ich hatte Angst und nur die Gefahr gesehen, vielleicht war es aber auch ganz anders. Kann sein, dass ich ihre wahre Absicht gar nicht verstanden habe. Ich werde es wohl nie erfahren.
Am nächsten Tag gegen Abend kam der Hirte zu uns auf den Hof, entschuldigte sich bei meinen Eltern und brachte uns als Zeichen der Wiedergutmachung einen kleinen frischen Laib selbstgemachten Käse. Unser Abendessen war gesichert: Palukes mit Käse und Milch, was man oft bei uns aß.
Die Blaubeere hatte durch die Begebenheit mit Afina in meinem späteren Leben eine ganz eigene Bedeutung.
Sammelte ich im Herbst mit meiner Mutter verschiedene Beeren, um Marmelade zu kochen, was damals üblich war, kam mir, sobald wir Blaubeeren fanden, die Hündin Afina in den Sinn und unser kurzes, aber sehr spannungsvolles Zusammentreffen.
Denke ich an diesen Tag und schließe die Augen, spüre ich die Maisonne, ich rieche das frische Gras unter mir, höre mich singen und sehe Afina groß und gelassen vor mir sitzen.
Ein ganz warmes, inniges Gefühl kommt in mir hoch, das ich nicht ganz verstehe.
„Jede Begegnung, die unsere Seele berührt, hinterlässt eine Spur, die nie ganz verweht.“ Lore-Lillian Boden
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Schlagwörter: Erzählung, Erinnerungen, Literatur
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