17. Juni 2019

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Zauberhafte Performance in Dinkelsbühl

Drei kurze Briefe, eine zarte Stimme aus dem Ghettoblaster und ein großer ovaler Stein erinnern daran, dass es eigentlich ein Duo hätte sein sollen... Statt dessen liegt sie allein am Boden, schwarz wie die fruchtbare Erde – in einiger Entfernung der Stein. Atemlos lauscht man dem meditativen Silbensingsang. Er lockt Hände aus der Waagrechten, Finger krümmen sich kreisend nach oben, berühren einander spielend – wie Blätter, die sich entfalten. Dann dasselbe mit den Füßen. Ungleiche Äste – ein Baum. In Zeitlupe richtet sie sich auf. Geht suchend ein paar Schritte. Legt sich. Dreht und windet sich. Erblickt plötzlich den Stein. Magisch angezogen strebt sie auf Knien auf ihn zu! Beäugt ihn. Schmiegt ihre Wange vorsichtig an das Rund. Lauscht. Wickelt sich um den Stein wie eine Frucht um den Kern. Angekommen. Zuhause.
Wie sie ihre so sensibel ausagierte Rolle und die des Steins einem Blinden erzählen würde, wird Elena Zipser nach der künstlerischen Darbietung gefragt. „Alles was Sie dazu denken, ist richti“, antwortet die Künstlerin schlicht. Denkanstöße liefern nur drei kurze Briefe, die vorher vorgelesen wurden. „Briefe von Kasia, 30. Mai 2019“: Brief des Kerns an die Blätter seines Baumes – über den alten Baum, der seine Kindheit vermisst und seine enge Bindung mit dem ersten Blatt. Brief eines Blattes an den Kern: Alles ist gut, es gibt keine Sorgen, das eine Blatt hier berührt das andere dort. Nachricht vom Baumstamm: Alles läuft. Ich bin der Läufer. Übergang gibt es immer. Elena Zipser in Dinkelsbühl: Rückbesinnung eines ...Elena Zipser in Dinkelsbühl: Rückbesinnung eines Baumes an seinen Kern. Fotos: George Dumitriu Eigentlich passiert fast nichts auf der großen Fläche in der Mitte. Und doch folgen alle Augen im Raum gespannt jeder Bewegung von Elena Zipser. Gedanken zerfließen in Gefühle. Möchten – vergeblich – in Worte kristallisieren. Was langsam, ganz langsam, ins Bewusstsein zurücktröpfelt, sind flüchtige Streiflichter: Geht es um Heimat, Geborgenheit, Verbindung? Noch lange nach der Performance verharren die Zuschauer wie gebannt im Saal und suchen das Gespräch. Das „Nichts“ hat etwas aufgestört, etwas Bleibendes hinterlassen...

Die Aufführung von BOMBAST DUO am 8. Juni im Katholischen Pfarrrzentrum Dinkelsbühl beim Heimattag der Siebenbürger Sachsen war eine Premiere, erklärt Dr. Heinke Fabritius, Kulturreferentin für Siebenbürgen. Und verrät, dass es ursprünglich zwei Darbieterinnen geben sollte: die anwesende Elena Zipser und Katarzyna Guzowska, genannt Kasia, von ihr stammen die Stimme, die Briefe, der Stein. Die Briefe hatte Kasia im Krankenhaus geschrieben – der Grund, warum sie fehlte. Eigentlich waren es damit auch zwei Performances, die einstudiert worden waren – die zweite nur wenige Tage vor der Aufführung, als die Einladungen schon verschickt, das Pressekommuniqué schon gedruckt war, erklärt Fabritius. Lächelnd fügt sie an: „Doch die Künstlerinnen wären kein bombastisches Duo, wenn sie dies nicht meistern könnten.“ Angekommen – zu Hause. ...Angekommen – zu Hause. Die Performance ist ungewöhnlich für den Heimattag – doch wurde sie extra dafür konzipiert. „Stellen sie sich einen Baum vor: ein Stamm und zwei Äste. Der eine Ast ist gesund, kräftig und stark, der zweite dünner, schwächer. Wie könnten sie sich zueinander verhalten, und was sagt dieses Bild über Identität heute?“, so wird das Stück in der Siebenbürgischen Zeitung angekündigt. Ungewohnt und frisch erinnert es an Rückbindung zu den Wurzeln.

Die Performancegruppe BOMBAST DUO, spezialisiert auf Veranstaltungseröffnungen, gibt es seit 2016. Die Künstlerinnen – beide Jahrgang 1988, beide haben an der Universität der Künste in Berlin Freie Kunst studiert, beide leben zeitweise in der Hauptstadt - bewegen sich leichtfüßig und lebendig zwischen den Kulturen. Elena Zipser hat Vorfahren in Siebenbürgen (sie ist die Tochter der Bildhauerin Pomona Zipser); Katarzyna Gusowska stammt aus Polen, studierte und arbeitet teils auch in Warschau. Heinke Fabritius war durch das Stück Octopus, das in Berlin und Bukarest aufgeführt wurde, auf das Duo aufmerksam geworden. Fasziniert hatte sie ihr Umgang mit „Wahrnehmungsgeschichten“, aber auch, dass sie die europäische Idee wie selbstverständlich leben – „ihre Homepage ist viersprachig, polnisch, rumänisch, englisch, deutsch“ – erklärt sie ihre Wahl für den Heimattag. Und hofft: Vielleicht kann das ursprünglich konzipierte Stück doch noch aufgeführt werden, im nächsten Jahr, zur Eröffnung von Schloss Horneck als Kulturzentrum. Dann wieder als Premiere – und natürlich als Duo.

Nina May

Schlagwörter: Heimattag 2019, Zipser, Kunst, Performance

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