9. August 2019

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Hanni Markel zum 80. Geburtstag

Das Jahr 1956 hatte auch in Klausenburg seine Spuren hinterlassen und am Folklore-Institut, einer Filiale des großen Bukarester Institutes, Veränderungen im Personalstand bewirkt. 1960 beschloss man, einen linientreuen Direktor und drei junge Wissenschaftlerinnen: eine Rumänin (Doina Truță), eine Ungarin (Gabi Vöő) und eine Deutsche (mich, Helga Stein) einzustellen. Nach einer sechsmonatigen fachlichen Vorbereitung am Institut in Bukarest und einer fachlichen Ausbildung durch das Folkore-Institut und einer politischen „Aufklärung“ durch das Ministerium wurden wir nach Klausenburg geschickt.
Für die siebenbürgisch-sächsische Folklore gab es zwei Schwerpunktvorgaben: Feldforschung unter Berücksichtigung interethnischer Phänomene und das fortschrittliche Erbe unserer Vorgänger in der siebenbürgischen Volkskunde. Meine erste Feldforschung durfte ich allein 1963 unternehmen. Sie führte mich ins Zeckeschgebiet, das sogenannte „Hosenriemenkapitel“, wo die historischen Voraussetzungen (auch die Sachsen waren hier Leibeigene gewesen) gegenseitige Beeinflussungen versprachen. Mitten in meine Sammelarbeit platzte die Nachricht von meiner bevorstehenden Ausreise. Nun musste eine Person für dieses vielversprechende Forschungsgebiet gefunden werden.

In jener Zeit war Hanni Kirschlager, später verheiratete Markel, gerade Lehrerin in Seiden. Statt zwei Wochen Arbeitsdienst in der Dobrudscha zu leisten, konnte sie ein Sommerpraktikum in Hermannstadt beim Siebenbürgisch-sächsischen Wörterbuch absolvieren, um dort Einblicke in dessen Arbeitsweise zu bekommen.

Hanni Markel, am 9. August 1939 in Talmesch geboren, entstammt einer sächsisch-landlerischen Großpolder Familie und hatte mit einer Diplomarbeit über ihre sächsische Mundart, 1962, das Germanistikstudium in Bukarest abgeschlossen. Da beim Wörterbuch keine feste Stelle in Aussicht stand, gelang es, sie für Klausenburg zu gewinnen. Das war für die siebenbürgische Volkskunde ein ausgesprochener Glücksfall. Gleichzeitig soll erwähnt sein, dass auch das Institut, jetzt Arhiva de Folclor in Klausenburg, 1965 durch das neue Direktorat von Prof. Ion Mușlea, dann Prof. Dumitru Pop und danach des Mușlea-Schülers Prof. Ion Taloș und schließlich Prof. Ion Cuceu intern einigermaßen zur Ruhe kam. Ohne vorher in Bukarest fachlich eingenordet zu werden, unter der kundigen Hand von József Faragó, griff sie den Faden meiner abgebrochenen Feldforschung im Zeckeschgebiet auf. Sie traf in Törnen z.B. auf ausgezeichnete Erzähler wie Katharina Roppelt und Mathias Henning. 115 Aufzeichnungen allein aus diesem Ort sprechen für den Erfolg. Weitere Feldforschungen folgten.

Die damalige Planarbeit des Klausenburger Institutes (1965-1968), die Monographie der Region Gurghiu (diese erschien 2008!), kam Hanni Markel sehr entgegen. Sie wandte sich dem Reener Ländchen und dem Nösner Land zu, wo sie neben Volksprosa und Liedgut, auch Totenklagen aufzeichnete. Zu allen Aufzeichnungen mit Magnettonband erarbeitete sie, vom Wörterbuch sensibilisiert, für die volkskundlichen Bedürfnisse eine vereinfachte Transkription, sammelte zusätzliche Informationen zu Erzählern und Sängern, zu deren mündlichem Repertoire, zu Varianten. Typisierungen, Systematisierungen, Analysen der Erzählgelegenheiten, der sprachlichen Eigenheiten, im Besonderen die rumänisch-sächsischen Mischformen sind Thema ihrer zahlreichen Aufsätze. Fast alle sind, ich muss wohl sagen leider, in rumänischer Sprache in den Fachzeitschriften Rumäniens erschienen und könnten z.B. als Sammelband noch einmal auf Deutsch herausgegeben werden. Hanni Markel, 2011. Foto: Klaus Markel ...Hanni Markel, 2011. Foto: Klaus Markel Auf Grund dieser Sammlungen und Erfahrungen gibt es unter den deutschen Volkskundlern niemanden, der so viel über die Biologie der Volksprosa oder über die sprachlichen Eigenheiten, Bezüge zu anderssprachigen (rumänisch, ungarisch) und schriftdeutschen Quellen berichten kann. Bezüglich der Variantenbildung erzählte mir Hanni einmal, dass sie einem alten Erzähler in Törnen das Tonband mit seiner, von mir 1963 aufgezeichneten, Erzählung vorspielte und dieser dazu meinte: „Das hat das Fräulein falsch aufgeschrieben, das habe ich anders erzählt!“ Hanni Markels Berichte von ihren Erlebnissen bei der Feldforschung sind nicht nur ein Quell des Wissens, sondern auch ein besonderes Vergnügen beim Zuhören. Auch diese wären es wert aufgeschrieben zu werden! Solche Sammelfahrten waren nicht immer einfach, abgesehen von der Bürokratie, den technischen Unwegsamkeiten, bis hin zu den ausgehungerten Flöhen an einigen Übernachtungsplätzen. Die obligaten Berichte und die Publikation hatten in den 70er und 80er Jahren ebenfalls ihre Tücken. So durfte der Zigeuner nicht Zigeuner genannt werden und der Liebe Gott musste zum einfachen alten Mann werden – um nur einige zu nennen.

In dem Moment, als die Sammelfahrten in den 70er Jahren finanziell nicht mehr machbar waren, trat die historische Volkskunde in den Vordergrund. Für die „Geschichte der Volkskunde Siebenbürgens“ hat Hanni Markel schon die einleitenden Kapitel als Aufsätze veröffentlicht. Ein wichtiges Thema war und ist für sie Josef Haltrich und seine „Deutsche Volksmärchen aus dem Sachsenlande in Siebenbürgen“ (1856). Es ist ihr gelungen, umfangreiches, neues Archivmaterial zusammenzutragen, der Herkunft der bei Haltrich publizierten Märchen nachzugehen, die Veröffentlichung bisher unbekannter Erzählungen aus seinem Nachlass zu veranlassen. Die Betreuung der erweiterten Ausgabe letzter Hand, Kriterion 1971, einschließlich der ersten Ausgabe des Libri rara-Reprints bei Olms, 2007 sind ihr Verdienst.

Bekannt für ihr umfassendes und solides Wissen wurde sie auch gerne zur Mitarbeit an der in Göttingen von Prof. Kurt Ranke herausgegebenen „Enzyklopädie des Märchens“ mit mehreren Stichworten verpflichtet.

Neben den großen Aufsätzen in den Fachzeitschriften, hat Hanni Markel immer versucht, auch für die breite Bevölkerung über ihre Arbeiten in der Karpatenrundschau, dem Neuen Weg, der Neuen Literatur zu informieren, z.B. über Friedrich Müller, Adolf Schullerus, Pauline Schullerus, Franz Obert, Josef Carl Hintz-Hințescu, Bernhard Capesius.

Eine umfangreiche Arbeit war die Auswertung des Mannhardt’schen Fragebogens zum Erntebrauchtum von 1865, zu dem die Originalantworten in der Staatsbibliothek Berlin vorlagen. Als Nebenprodukt gehört dazu noch ein kleiner Aufsatz über das Hahnenschlagen und Hahnenschießen. Als das Klausenburger Institut auf Initiative und unter Leitung von Prof. Ion Taloș die Aufgabe übernahm, zwischen 1980-1985 einen gemeinschaftlichen Thesaurus der rumänischen, ungarischen und deutschen Sprichwörter zu erarbeiten, konnte Hanni Markel in ihrem bisher leider noch unveröffentlichten „Lexikon des Sprichwortbestandes der Siebenbürger Sachsen“ erstmalig bekannte und außermundartliche Texte zusammentragen. Die Einleitung, eine Wahnsinnsarbeit, zeigt Hanni Markel als die absolute Perfektionistin. Der Aufsatz „Das siebenbürgisch-sächsische Sprichwort“ von 1987 bezieht auch das beim Siebenbürgisch-Sächsischen Wörterbuch vorhandene Material 1575 bis 1936 mit ein. Ergänzt durch Eigenbefragungen, von denen die letzte noch 1500 neue Texte einbrachte, ergeben sich letztendlich 10000 Belege aus 155 Ortschaften. Da von dem geplanten Thesaurus bisher nur der ungarische Teil von Gabi Vöő erschienen ist, wäre es gut, wenn der von Hanni Markel bearbeitete fertige deutsche Teil nun auch folgen könnte.

1992 folgten auch Hanni und ihr Mann Michael Markel, der bekannte Germanist und Literaturhistoriker, dem Sog der Auswanderung. Vorher gelang es ihr noch, in Absprache mit rumänischen und deutschen Kulturbehörden Kopien des siebenbürgisch-sächsischen Materials (Tonbänder und die dazugehörigen wissenschaftlichen Unterlagen: Protokolle zu den Tonbändern, Biografien der Gewährsleute, Transkriptionen und Kommentare zu den Aufnahmen, u.a.m.) für die Siebenbürgische Bibliothek in Gundelsheim zu erstellen. Zu dem Zeitpunkt, als Hanni Markel ging, umfasste das Klausenburger Archiv, wie sie 1995 in Annemie Schenk „Europäische Kulturlandschaft Siebenbürgen“, Band 3, schreibt: „1751 Nummern auf Tonband und die 4054 zusätzlichen Notatnummern“, wobei Letztere weit mehr Einzelbelege enthalten, die vor allem die kleineren literarischen Formen betreffen.

Nach ihrer Umsiedelung ist Hanni Markel nicht untätig geblieben. Im Kulturleben der Siebenbürger Sachsen in und um Nürnberg ist sie gut vertreten. Mehrere Aufsätze geben Überblicke über die Sammeltätigkeit und die Bestände des Klausenburger Archivs (s. A. Schenk, 1995; G. Noll, 1996, Zeitschrift für Siebenbürgische Landeskunde, 2001, u.v.a.). Neuere Sammlungen von Volksprosa betreffen ihren Heimatort Großpold. In der Siebenbürgischen Zeitung betreut sie, zusammen mit Bernddieter Schobel, seit 2005 die beliebte Mundart-Rubrik „Sachsesch Wält“.

Es ist mir nicht möglich, einen vollständigen Überblick über all die Arbeiten und das Wissen von Hanni Markel zu liefern. Eine Literaturliste wäre aber auch nicht vollständig, da sicher irgendwo im Archiv Vorträge liegen, die Hanni Markel bei wissenschaftlichen Tagungen in Bukarest, Klausenburg oder andern auswärtigen Fachtagungen gehalten hat und die noch nicht gedruckt sind.

Rückblickend wiederhole ich: Hanni Markel war und ist ein Glücksfall für die siebenbürgisch-sächsische Volkskunde. Ihre reiche Sammeltätigkeit, ihr feines Empfinden für Sprache und ihr Verständnis für die lebendige Folklore haben ein Kulturgut geborgen, das es nicht wieder geben wird und dessen Wert durch die Zeitläufte nur wachsen kann. Wir haben ihr in vielerlei Hinsicht sehr zu danken. Möge sie noch recht lang die Kraft und den Mut haben, uns an ihrem reichen Wissen teilhaben zu lassen.

Ad multos annos, liebe Hanni!

Helga Stein

Schlagwörter: Markel, Germanistin, Jubiläum, Geburtstag, Porträt, Talmesch, Sachsesch Wält, Siebenbürgische Bibliothek, Gundelsheim

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