6. November 2020

Das Ende der Geschichte? Siebenbürger Sachsen 30 Jahre nach dem Exodus / Von Prof. Dr. Hans-Christian Maner (II)

Was bedeutete die Migration für die aus Siebenbürgen Ausgewanderten wie für die in Siebenbürgen Verbliebenen?
Fortsetzung von: Das Ende der Geschichte? Siebenbürger Sachsen 30 Jahre nach dem Exodus / Von Prof. Dr. Hans-Christian Maner (I)

Integration und Existenz in Deutschland

Bundesdeutsche Außenbetrachtungen bezeichnen die Integration der deutschen Aussiedler aus Rumänien als eine gesellschaftliche und berufliche Erfolgsgeschichte. Die Beurteilung der Aussiedler selbst darüber, wie die Integration erfolgt ist, hängt von mehreren Faktoren ab: dem Alter, dem Aussiedlungszeitpunkt, dem Herkunfts- sowie dem Zielort. Neben positiven Selbstdarstellungen stehen auch Bilder von einem schwierigen längeren oder kürzeren Prozess des Einfindens in die neuen gesellschaftspolitischen und wirtschaftlichen Strukturen in Deutschland. Angekommen zu sein bei Familie und Freunden in politisch wie wirtschaftlich gesicherten freiheitlich-demokratischen Strukturen, umgeben von vertrauter Sprache und Kultur, aber auch Orientierungslosigkeit, Verunsicherung, Heimweh, die Betrachtung als „Rumäne“ bzw. „Rumänin“, „fremde Deutsche in deutscher Fremde“ oder sich zwischen den Welten zu befinden, all diese Tatsachen und Empfindungen prägten und prägen die Integration.

Darüber hinaus können zwei unterschiedliche Integrationsmuster beobachtet werden. Während die eine Gruppe nach einer Angleichung an die bundesdeutsche Gesellschaft sucht und sich von Bezügen und Verbindungen zur Herkunftsregion trennt, ist eine andere Gruppe ganz bewusst darum bemüht, Kultur und Traditionen zu erhalten, zu pflegen und weiterzugeben. Mit Hilfe eines gut ausgebauten Netzwerkes, des Verbandes der Siebenbürger Sachsen in Deutschland, der Landesverbände, Kreisgruppen, Heimatortsgemeinschaften, Nachbarschaften und einer Reihe von Kultureinrichtungen, wird an einer historisch ausgebildeten und immer wieder erzählten Identität festgehalten. Diese gründet auf markanten Wesensmerkmalen, Bildern, Tugenden und Werten: die Abstammung und viele Jahrhunderte alte Geschichte, die geprägt ist von Leistungs- und Opferbereitschaft sowie Leidenserfahrung, aber auch der Fähigkeit zu Toleranz und Miteinander, getragen von Gemeinschaft und Zusammenhalt. Dadurch wird keineswegs mangelnde Integration in die neue bundesdeutsche Gesellschaft ausgedrückt, ganz im Gegenteil. Siebenbürgen wird, durchaus auch mit nostalgischen Rückblicken, zur „ersten“ oder „alten“ Heimat, während Deutschland als „zweite“ oder „neue“ Heimat angenommen wird. In vielen lokalen und regionalen Treffen bis hin zum jährlich stattfindenden Heimattag in Dinkelsbühl widmen sich Menschen mit viel, größtenteils ehrenamtlichem Engagement der Pflege und Förderung des kulturellen Erbes sowie dem Erhalt der gemeinschaftlichen Verbindungen. Im Mittelpunkt aller Zusammenkünfte, geselliger wie wissenschaftlicher Natur, stellte und stellt sich nach 1990 noch einmal verstärkt und neu die Frage nach dem individuellen wie gemeinsamen Selbstverständnis. Antworten auf diese Frage fallen entsprechend auch den Integrationsstrategien naturgemäß sehr unterschiedlich aus und reichen sehr grob gesprochen in einer großen Spannungsbreite von einer Ablehnung oder Bejahung einer „siebenbürgisch-sächsischen“ Identität, über den Versuch der Verbindung von „alter“ und „neuer“ Identität bis hin zum Sich-Verschließen vor dem „Neuen“ oder der Verklärung früherer Zeiten.
Festveranstaltung „850 Jahre Siebenbürger ...
Festveranstaltung „850 Jahre Siebenbürger Sachsen“ am 27. Oktober 1991 in der denkwürdigen Frankfurter Paulskirche, wo 1848 bis 1849 die Delegierten der Frankfurter Nationalversammlung, der ersten Volksvertretung für ganz Deutschland, tagten. Foto: Horst Fleischer
Die Suche nach der eigenen Identität durch die wissenschaftliche Erkundung der Vergangenheit stand auch am Anfang der Neugründung des Arbeitskreises für Siebenbürgische Landeskunde in Deutschland. Der inzwischen renommierte und mit zahlreichen fundierten Arbeiten aufwartende wissenschaftliche Verein mitsamt dem Siebenbürgen-Institut sowie der umfangreichen Siebenbürgischen Bibliothek in Gundelsheim als Herzstück hat sich voll und ganz der „Siebenbürgen-Forschung“ verschrieben, wie es auch in der neuen Satzung von 2020 lautet. Wenn eine wissenschaftliche Beschäftigung mit Siebenbürgen, wie auch der Nachwuchs verdeutlicht, durchaus losgelöst von der Herkunft stattfindet, bleibt die Frage: Welche Wege eröffnen sich den in Deutschland lebenden Siebenbürger Sachsen mit dem Abtreten der Erlebnisgeneration? Welche Folgen hat das für das Selbstverständnis und die Identität?

Die Siebenbürger Sachsen in Siebenbürgen nach dem Exodus

Die Frage, wie eine noch weiter schrumpfende deutsche Minderheit bestehen kann, stellt sich auch für die in Siebenbürgen verbliebenen Sachsen, die die Massenmigration und deren Folgen zu verarbeiten haben. Sehr schnell organisierte sich als Vertretung der deutschen Minderheiten in Rumänien das „Demokratische Forum der Deutschen in Rumänien“. Bereits seit 1990 sind Vertreter des Forums in den verschiedenen Gremien aktiv, im Parlament Rumäniens oder als Räte in verschiedenen Städten Siebenbürgens. Bis in die Gegenwart des Jahres 2020 beweisen das Landesforum wie auch die Regionalforen, dass es trotz des kleinen zur Verfügung stehenden Personenkreises und angesichts der zu bewältigenden Mammutaufgaben in der Lage ist, ein enormes Arbeitspensum zu bewältigen und kreative Lösungen zu finden. In mehreren Ortschaften in Siebenbürgen stellt das ­Forum Bürgermeister, Vizebürgermeister, Kreisratsvorsitzende und Stadträte. Die aktive Rolle der kleinen Gruppe in der Kommunalpolitik, auffällig ist hier natürlich Hermannstadt, spiegelt sich auch in dem in verschiedenen Varianten anzutreffenden Bonmot: „Wenn auf den Straßen Hermannstadts kein Sachse zu sehen ist, wird wohl gerade Stadtratssitzung sein.“

Dass Mitglieder der Gruppe der Siebenbürger Sachsen dieses aus der historischen Tradition heraus weitergetragene Verantwortungsbewusstsein mit Leben füllen, beweist auch der das zweite Mandat wahrnehmende Staatspräsident Klaus Werner Johannis. Es ist ihm nicht nur gelungen, zur Zeit der EU-Ratspräsidentschaft Rumäniens die Aufmerksamkeit Europas auf Hermannstadt zu lenken, wo am 9. Mai 2019 ein EU-Gipfel stattfand. Bereits 2007, dem Beitrittsjahr Rumäniens zur EU, war Hermannstadt europäische Kulturhauptstadt. Dass Rumänien den gewaltigen Schritt vom mitleidig belächelten „Schmuddelkind“ zum geachteten Partner in der EU vollzogen hat, ist nicht zuletzt auch das Verdienst gelebter siebenbürgisch-sächsischer Tugenden. Damit kann auch die 2014 von Johannis geäußerte zukunftsweisende Überlegung verknüpft werden, in Rumänien eine offene, auf staatsbürgerlichen, verfassungsrechtlichen und demokratischen Werten und Prinzipien gründende Bürgernation zu formen und zu stärken.

Zukünftige Einheit in der Vielfalt?

Mitte der 1950er Jahre setzte eine Debatte ein, die sich in einem lange anhaltenden Auswanderungskonflikt niederschlug und sich in der Frage „Bleiben oder Gehen?“ zusammenfassen lässt. Durch die Folgen des Zweiten Weltkrieges sowie die innenpolitische Entwicklung in Rumänien sahen Vertreter der Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen in Deutschland die Familienzusammenführung als einzigen Weg, um den Sachsen in ihrer „hoffnungslosen“, „katastrophalen“ Lage zu helfen. Das Hilfskomitee, das als Sprachrohr der Evangelischen Landeskirche A.B. in Rumänien galt, vertrat hingegen nicht den Standpunkt des „Untergangs“ und befürwortete das „Ausharren“, das „Bleiben“ in Siebenbürgen. Die Auseinandersetzung verschärfte sich, als zu Beginn der 1960er Jahre nicht mehr lediglich von Familienzusammenführung, sondern von „erweiterter Familienzusammenführung“ gesprochen wurde. Der auf landsmannschaftlicher Seite aufgetauchte Begriff der „Aussiedlung“ verhärtete die Fronten. Die „Bleiben“-Befürworter prophezeiten, die „Aussiedlung“ führe für die „Beharrungswilligen“ zu ausbleibender politischer Aktivität in Rumänien, zu einer Zunahme der Auswanderung wegen Resignation, Niedergeschlagenheit und Torschlusspanik. Einen eigenen Stellenwert in diesem Konflikt hatte die Pfarrerauswanderung. Während die Debatte zwischen den Kontrahenten nach personellen und organisatorischen Veränderungen 1981 zu einem Ende gekommen war, wurde die nach wie vor im Raum stehende Frage durch die hohen Zahlen der Auswanderer 1990 beantwortet. Doch bedeutet diese Antwort nach den Drohungen während des Streits und auch danach das „Finis Saxoniae“, den „Todesstoß“, das „Aus“, das „Geschichtsende“, das „Nichts“ für die Gemeinschaft der Siebenbürger Sachsen? Bleibt gar ein Siebenbürgen ohne Siebenbürger Sachsen zurück?

In Siebenbürgen begegnen die Menschen dem Schock des Exodus, trotz des Verlustschmerzes, konsequent durch die Ausrichtung des Blicks nach vorne. Der Bischof der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien Reinhart Guib sprach 2017 von einem Ende des Jammerns. In den letzten Jahrzehnten erfolgte ein bewusstes Aufeinanderzugehen. Trotz der Verschiedenheiten zwischen den Ausgewanderten, den „Zurückgebliebenen“ (ironische Selbstbezeichnung der Sachsen in Siebenbürgen) und den „Heruntergekommenen“ (ironische Bezeichnung der temporär oder dauerhaft nach Siebenbürgen wandernden „Sommersachsen“, Sachsen und Nichtsachsen) wurden und werden Bemühungen unternommen, Brüche zu überwinden. Aus Deutschland wie aus Siebenbürgen kommen deutliche Signale. So stand der Heimattag 2010 in Dinkelsbühl unter dem Motto „Gemeinsam unterwegs“ und das Sachsentreffen von 2017 in Hermannstadt rief dazu auf, Trennendes gemeinsam zu überwinden.

Und ein von allen Seiten verwendetes Bild ist dasjenige einer Brücke. Der Verband der Siebenbürger Sachsen beansprucht, eine „Brückenfunktion“ zu verkörpern „zu den anderen ­siebenbürgisch-sächsischen Organisationen“ sowie auch „in den Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Rumänien“. Das Demokratische Forum der Deutschen in Rumänien sieht die Deutschen in Rumänien vor der Aufgabe, in doppelter Hinsicht eine Brückenfunktion zu erfüllen: erstens gegenüber Deutschland sowie dem deutschsprachigen Ostmitteleuropa und zweitens zwischen der rumänischen Mehrheitsbevölkerung und den anderen ethnischen Minderheiten in Rumänien. Auch die bundesdeutsche Seite bemüht das Bild der Brücke. Demnach werden Siebenbürger Sachsen in Deutschland als Brückenbauer nach Rumänien und die Sachsen in Siebenbürgen als Verbindung nach Deutschland ebenso wie als Vermittler zwischen den Ethnien und Kulturen Siebenbürgens und als Brückenbauer zwischen Ost und West gesehen. Die vielfachen Erfahrungen als ethnische Minderheit in einem multiethnischen Raum, in einer totalitären Herrschaft sowie die Erfahrungen mit Migration, Heimatverlust, Integration sowie Neubeginn und Neuaufbau sind Grundlagen für ein gemeinsames europäisches Identitätsbewusstsein in einem gemeinsamen Europa.

„Quo vadis, Siebenbürger Sachse / Sächsin?“ oder: „Gehören Siebenbürger Sachsen und Siebenbürgen noch zusammen?“ – so könnte abschließend gefragt werden. Starke, selbstbewusste und wegweisende Botschaften an die Siebenbürger Sachsen kamen vom Sachsentreffen 2017 in Hermannstadt, das unter dem Motto stand: „In der Welt zu Hause, in Siebenbürgen daheim“. Und es heißt dazu: „Wer in der Welt zu Hause ist, kann in Siebenbürgen daheim sein. Das eine schließt das andere nicht aus. Das eine bedingt das andere sogar.“ Statt „Finis Saxoniae“ heißt es, „es geht weiter in Siebenbürgen! Anders! In einer viel bunteren Gesellschaft als zu der Zeit von Johannes Honterus oder Stephan Ludwig Roth.“ Für die siebenbürgisch-sächsische Gemeinschaft prägte Bischof Guib das Bild vom Apfelbaum mit seinem festen Stamm, den beweglichen Ästen, Zweigen, Blättern und der Krone.

Siebenbürgen wird von verschiedenen Seiten als Anker, als fester Bezugsort der Siebenbürger Sachsen, aber auch als Sehnsuchtsort immer wieder beschworen. Zudem verweist die historische wie gegenwärtige Zuschreibung einer Brücke in und zu Europa auf eine für Wandel und Neues offene, ausbaufähige und gestaltbare Zukunft. In diesem Zusammenhang ist auch der Aufruf der Evangelischen Kirche in Rumänien wie auch des Forums zum Engagement in Siebenbürgen zu sehen. Ein ansteckendes „Virus transsilvanicus“ führt zu Begegnung, Lebensbejahung, Freude, Leidenschaft sowie der Entdeckung neuer Zugänge und Wege.

Autorenprofil

Prof. Dr. Hans-Christian Maner ist Historiker. Er lehrt und forscht im Arbeitsbereich Osteuropäische Geschichte des Historischen Seminars der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Seine Arbeitsschwerpunkte betreffen die politische, kulturelle, kirchliche, regionale und Ideengeschichte im Donau-Karpatenraum vom 18.-21. Jahrhundert.
Prof. Dr. Hans-Christian Maner. Foto: Peter ...
Prof. Dr. Hans-Christian Maner. Foto: Peter Pulkowski
Der 1963 im siebenbürgischen Martinskirch (Târnăveni) geborene Autor pflegt enge Kontakte zu wissenschaftlichen Institutionen in Rumänien. So gelang es ihm, von Mainz aus mehrere Erasmus-Partnerschaften zu etablieren, u.a. mit der Alexandru Ioan Cuza Universität in Jassy (Iași), der Universität Bukarest und der Lucian Blaga Universität in Hermannstadt. Er ist seit 2014 Ehrenmitglied des Geschichtsinstituts der Akademie „A. D. Xenopol“ in Jassy und seit 2019 „Visiting Professor“ an der Hermann­städter Universität. Zudem leitet er seit 2009 die Zweigstelle Mainz der Südosteuropa-Gesellschaft. 2018 hat Prof. Dr. Hans-Christian Maner für seine wissenschaftliche Arbeit zur Geschichte Rumäniens im 20. Jahrhundert den „Preis der Exzellenz“ der rumänischen Regierung erhalten.

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Schlagwörter: Geschichte, Exodus, Maner, Auswanderung, Aussiedler, Spätaussiedler, Rumänien, Siebenbürgen, Deutschland, Rumäniendeutsche, Kirche, Integration, Identität, Landsmannschaft, Verband, Heimattag, Familienzusammenführung, Hermannstadt, Martinskirch

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