23. Dezember 2020

Exodus – Zeitzeugen berichten

Das Ende des totalitären Ceaușescu-Regimes markiert einen epochalen Einschnitt in der Geschichte der rumäniendeutschen Minderheit der Siebenbürger Sachsen. Mit den komplexen Prozessen des Exodus hat sich der Historiker Prof. Dr. Hans-Christian Maner in seinem Beitrag Das Ende der Geschichte? Siebenbürger Sachsen 30 Jahre nach dem Exodus auseinandergesetzt. Die Redaktion der Siebenbürgischen Zeitung hat Zeitzeugen dazu aufgerufen, über ihre persönlichen Erfahrungen von Heimatverlust und neuer Existenzgründung zu berichten. Wie bereits in der SbZ-Online vom 23. November 2020 können Sie nachfolgend weitere ausgewählte Zeitzeugenberichte lesen.
Fremdes Land

Manche Erlebnisse vergisst man einfach nicht. Das ist so. Sie prägen sich unwiderruflich in unser Gedächtnis ein, für immer. Wie auch diese Geschichte, die ich selbst erlebt und hier aufgeschrieben habe. Es war im Mai 1990, ich war in Deutschland angekommen und sollte mich nun registrieren lassen. Das Aufnahmelager war in Nürnberg, soviel wusste ich. Also setzte ich mich in den Zug, um nach Nürnberg zu fahren. Ich war allein und dementsprechend war mir auch zumute. Fremdes Land, fremde Gegend und alles war so anders. Aus heutiger Sicht alles kein Problem, aber damals war man noch ziemlich unerfahren. Ich war 30 Jahre alt und somit jung und lernfähig.

So saß ich nun im Zug und hatte keine Ahnung, wo dieses Aufnahmelager in Nürnberg war. Neben mir saß eine junge, gut gekleidete Frau. Ich schlussfolgerte daraus, dass sie beruflich sehr erfolgreich sein musste. Kurz vor Nürnberg fasste ich den Mut und fragte sie, ob sie wisse, wo das Aufnahmelager in Nürnberg sei. Sie verneinte, sagte aber, sie wolle mit mir zur Bahnhofsmission kommen, die könnten mir bestimmt weiterhelfen. Von einer Bahnhofsmission hatte ich bis dahin nie etwas gehört, nun wusste ich das auch. Die Leute von der Bahnhofsmission in Nürnberg waren sehr freundlich zu mir, war ich aus Rumänien von den Behörden ja was anderes gewöhnt. Überheblichkeit und Unfreundlichkeit waren dort an der Tagesordnung gewesen. Wir alle wissen, wie das war. Da ich weiter mit der U-Bahn fahren musste, gaben sie mir einen Fahrplan und ein Essenspaket noch dazu. Mir fiel ein Stein vom Herzen, denn ich wusste nun, dass ich auf dem richtigen Weg war. Aber wo ging es zur U-Bahn? Die junge Frau, die ich angesprochen hatte, meinte, sie wäre gerne mit mir bis zum Aufnahmelager gekommen, aber sie hätte einen Termin, so dass es leider nicht gehe. Sie kam mit mir bis zum Fahrkartenautomaten und zeigte mir, wie dieser funktioniert. Als ich ihr das Geld für die Fahrkarte geben wollte, wollte sie nichts von mir annehmen. Sie schenkte mir die Fahrkarte. Diese Frau war der erste Mensch, der mir geholfen hatte. Auch heute noch empfinde ich Dankbarkeit für diese Geste, die damals für mich so viel bedeutet hatte. Später sollten in meinen Anfangsjahren in Deutschland noch weitere Menschen meinen Lebensweg kreuzen, die mir eine helfende Hand gereicht haben, aber das wäre jeweils eine andere Geschichte.

Ich kam im Aufnahmelager in Nürnberg an. Es war einiges los dort, viele Menschen drängelten sich vor dem Schalter, alle waren ungeduldig und gestresst. Mein Kopf tat weh. Endlich kam ich dran. Die Angestellten vor Ort schienen auch leicht angespannt zu sein angesichts der vielen ungeduldigen Menschen. Jedenfalls hatte ich mich irgendwann dann registrieren können. Da hieß es jedoch, Nürnberg sei überfüllt, wir werden eine Nacht hier bleiben dürfen, dann müssen wir jedoch anderweitig untergebracht werden.

„Sie sind sehr müde“, meinte der freundliche Mann, der mir eine Bettdecke und ein Kissen in die Hand drückte. Er sah es mir an, dass es mir gerade nicht gut ging. Meine Kopfschmerzen hatten sich nämlich verschlimmert.

Ich bekam ein Bett in einem größeren Raum mit ungefähr zehn Betten zugewiesen. Es waren Leute da aus Polen, Russland und ich aus Rumänien. Von Ausruhen war keine Rede. Die ganze Nacht war Betrieb, dauernd kamen neue Leute an, ein Kommen und ein Gehen, laute Stimmen und Kindergeschrei konnte man auf den Gängen hören. Eine Nacht musst du das aushalten, dachte ich mir. Die ganze Nacht habe ich kein Auge zugemacht.

Am nächsten Tag wurden wir alle in mehrere Busse gesetzt, es hieß, nun geht es Richtung Norden. Wohin, wussten wir nicht. Es sollte ein Ort bei Bramsche in Niedersachsen sein. Unterwegs musste unser Bus noch wegen einem ärztlichen Notfall anhalten. Ein älterer Mann aus unserem Bus musste, vermutlich wegen Unterzuckerung und wegen dem Stress ins Krankenhaus gefahren werden. Auch so konnte ein Neuanfang aussehen …

Sechs Wochen war ich dort oben bei Bramsche, bis ich an der Reihe war und den Laufzettel für die Papiere erhielt. Dann ging alles schnell. Ein neuer Lebensabschnitt hatte begonnen …

Karin W., Waiblingen


Was war, war!

Ich bin am 19. Juli 1949 als Sohn von Kurt und Katharina (Käthe) geboren. Das Elternhaus von meinem Vater steht in Bistritz, in der Unteren Vorstadt 24. Das Elternhaus meiner Mutter steht in Kuschma, Haus 67. Der Ort, wo auch das Quellenhaus für das Bistritzer Trinkwasser steht.

Ende 1964 wird unsere vierköpfige Familie freigekauft. Unsere Familie erhält dadurch den beantragten Pass (Reisepassunterlagen) genehmigt, zur Ausreise nach Österreich! Für Scheideromama, Schneiderotata und Gretetante erfolgt die Genehmigung nicht, trotz gleichzeitiger Antragstellung auf Ausreise. Das löst natürlich erhebliche Verwirrung aus. Liebe Menschen, mit denen wir so manche herrliche, gemeinsame Stunde erleben, müssen wir, durch unsere Ausreise, kurzfristig zurücklassen. Da alle drei über sechzig sind, muss, wenn wir das Land verlassen, eine Person des Vertrauens ­gefunden werden, die ihnen bei der Umsetzung der beantragten Reiseunterlagen hilft. Es klappt dann doch noch reibungslos, 1965 kann Gretetante ausreisen und 1967 Scheideromama und Schneiderotata.
1965 feiert Familie Holzträger ihr erstes ...
1965 feiert Familie Holzträger ihr erstes Weihnachten in Deutschland. Auf dem Bild: Vater, Mutter, Robertonkel, Gretetante, Hannitante und Schwester.
Nach Auflösung des gesamten bestehenden Haushalts reisen wir im Mai 1965 mit kleinem Handgepäck und zwei großen Holzkisten per Bahn über Arad (Grenzübergangsort) nach Österreich aus. Abschied nehmen von lieb gewordenen Menschen, Abschied nehmen von jeglichem Besitz, ob kostbar oder nicht, und der ach so unverbrauchten Natur! Nun kommen auf meine Eltern bisher nie dagewesene Vorgänge zu. Abschriften herbeiholen von Zeugnissen jeglicher Art; Unterlagen für die späteren Rentenansprüche, Arbeitszeugnisse, Schulzeugnisse, Geburtsurkunden, Heiratsurkunden. Auflösen von Verträgen. Vorweisen von Schuldenfreiheit bei staatlichen und städtischen Einrichtungen, Radio, Wasser und Strom. Für jeden dieser Vorgänge wird eine Ștampilă fiscală, eine staatliche Taxe erhoben, die sich insgesamt zu einem stattlichen Betrag aufsummiert.

Da für die Bahnfahrt nur ein ganz bestimmtes Volumen an Gepäck, in den zwei nach staatlichen Maßvorgaben angefertigten großen Reisekisten, mitgenommen werden kann, muss die Auswahl gut überlegt sein. Decken, Kleidung, Kochgeschirr, Essbesteck, Teller, Tassen werden auf das Nötigste beschränkt und in den Reisekisten bruchsicher verstaut. Allein die Reisekarten nach Österreich „buchen“ und bezahlen ist ein Marathonlauf. Das Zeitfenster ist durch die Gültigkeit der Ausreisepapiere, die man auf Abruf in Bukarest abholen muss, genau festlegt. So werden oft in den letzten Tagen und Stunden Telefongespräche nach Österreich bei der lokalen Post angemeldet und in der vorgegebenen Zeit abtelefoniert.

Alle für die Reise nicht benötigten Gegenstände werden den zurückbleibenden Verwandten oder Bekannten angeboten und viel auch verschenkt. Wichtige Bücher, Dokumente, Fotos, die zu diesem Zeitpunkt nicht aus der Volksrepublik Rumänien ausgeführt werden dürfen, werden Verwandten zur Aufbewahrung überlassen.

Bei allen Vorgängen fallen auch nicht vorhersehbare Kosten an, deshalb eine wichtige Frage: Reicht das Geld für die Ausreise? Da denken wir auch an „Bakschisch“, Schmiergeld oder Kompetenzgebühr in Form von Geld oder Naturalien.

Auf dem Tandelmarkt (Trödelmarkt, Flohmarkt) werden die noch verbliebenen, teils sperrigen Gegenstände mit dem Holzleiterwagen, mehrmals dienstags am Großen Markt zu Geld gemacht. Als allerletztes Teil wechselt auch unser von vielen beneideter Holzleiterwagen den Besitzer. Ein feststehender Betrag in Lei wird noch in einen vom Staat festgelegten Betrag in Devisen (Österreichische Schilling) umgetauscht.

Die zwei großen Reisekisten sind schon längst, per Bahn, auf dem Weg in die Grenzstadt Arad. Dann kommt der Tag, wo wir uns mit mehreren Lagen an Kleidungsstücken am Körper, aber mit kleinem Gepäck am Bahnhof von den begleitenden Verwandten verabschieden. Schnell will man sich noch was sagen, Trost spenden: „Ihr kommt bestimmt auch bald nach“. Dabei wird den Tränen freien Lauf gelassen. In Arad durchleben wir eine schlaflose Nacht. Die rumänische Staatsmacht ist überall zu spüren, besonders hart bei Ausreisewilligen. Außer uns gibt es noch mehrere ausreisewillige Familien im Gebäude. So kann ich mich an gezielte Willkür erinnern. Das betrifft Szenen bis zum schamvollen Entkleiden und recht groben Untersuchungen. Zuerst untersuchen die unteren Chargen die Reisekisten, es wird alles schön Verpackte herausgezogen, abgetastet, geschüttelt, auf einen Stapel hingeworfen. Als sie damit fertig sind, dürfen wir wieder alles einräumen. Kaum ist alles in den Kisten, kommen die Ranghöheren und machten die gleiche Arbeit. Sie lassen die Steppdecken und Kopfkissen aufschlitzen, durchstochern die Lebensmittel wie Brot, Käse, Wurst und Butter. Gebetsmühlenhaft stellen sie immer wieder dieselbe Frage: „Besitzt ihr Gold?“ Da letztendlich die Goldsuche doch kein Gold zutage fördert, entspannt sich die Situation, erst recht, als unsere restlichen Leus durch den lächelnden Beamten in seine Büroschublade verschwinden.

Mittlerweile ist es morgens geworden. Nach letzten Formalitäten können wir dann doch, in Begleitung von Uniformierten, den zugewiesenen Wagon am Abstellgleis besteigen. Auf diesem Weg treffen wir mehr Soldaten als Ausreisende an. Auf den zugewiesenen Plätzen heißt es nun ruhig bleiben, ausharren, warten und noch mal warten. Die tristen Bilder des Abstellgeleises am Bahnhof prägen sich in mein Gedächtnis ein. Immer wieder durchstreifen bewaffnete Uniformierte den Wagon und jedes Mal überkommt einen so ein mulmiges Gefühl. Die rumänische Staatsmacht ist allgegenwärtig. Die Anspannung steigt. Dann fährt eine große Dampflokomotive vor und koppelt unseren Wagon an. Wir werden auf ein anderes Geleis gezogen. Fenster und Türen werden nochmals von den Uniformierten kontrolliert und verriegelt, dann stehen sie da wie starre Schaufensterpuppen. Dann doch der erlösende Pfiff, der Zug setzt sich in Richtung Westen in Bewegung. Nach kurzer Fahrt wird wieder eine Pause eingelegt. Jetzt wird an die Ungarn übergeben. Die Uniformfarben wechseln von senfgelb in graugrün. Die Pässe werden nochmals vorgezeigt, die Reiseunterlagen peinlichst genau durchgesehen. Danach nimmt der Zug wieder Fahrt auf. Von der ganzen ungarischen Tiefebene und den vorbeiziehenden Sehenswürdigkeiten Ungarns, etwa 400 Kilometer, kriege ich nichts mit. Schlafmangel und die monotonen Schienengeräusche lassen mich dahindämmern und einschlafen. Erst beim erneuten heftigen Anbremsen werde ich wach. Grenzstation von Ungarn / Österreich: Hegyeshalom! Ungarische Zöllner und Soldaten sind urplötzlich wieder in den Gängen verteilt, sie wollen nochmals die Reiseunterlagen einsehen. Die ungarischen Zöllner und Soldaten sind schnell wieder weg. Der Zug setzt sich langsam wieder in Bewegung. Dann folgt Nickelsdorf. Nach etwa einer Stunde Fahrt rollt der Zug im Wiener Hauptbahnhof ein. Aus dem Bahnhofsgetümmel heraus, gegen den Hauptstrom der Menschenmenge, stürmen die Hennrichs den Zugwagen. Heinz, Ingrid, Marianne und Ute: „Hallo“! Als haben sie es geahnt, dass wir auf der Zugfahrt durch Ungarn fast ausgetrocknet sind. Sie wedeln jeder mit einer Flasche Apfelsaft in der Hand uns zu. Wir werden wild geherzt und um­armt, obwohl wir uns bisher noch nie begegnet sind. Jetzt fällt die latente Anspannung von uns allen ab. Jetzt sind wir im Westen angekommen!

Von Wien geht die Reise weiter nach Vöcklabruck in Oberösterreich, an unseren eigentlichen Zielort. Hier wohnen Otata und Omama zur Untermiete bei Ilsetante und Konradonkel. Inzwischen hier angekommen, werden wir von allen nochmals stürmisch begrüßt. Ilsetante und Konradonkel treten Vater und Mutter ein Zimmer ab, ich schlafe in Wolfgangs Zimmer. Hier in Logis versucht Vater einige Wochen lang, am dortigen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Alles unbefriedigend. Schließlich reisen wir auf Anraten von Verwandten nach Deutschland aus. Im Auffanglager Nürnberg werden wir überprüft vom BND, ausgehorcht und registriert. Hier erhält jeder einen Flüchtlingsausweis und wir können ins Lager nach Regensburg weiterziehen. In Regensburg findet Vater, von Onkel Robert Holzträger vermittelt, eine Arbeit im Büro. Nach einigen Wochen erhalten alle Familienmitglieder die deutsche Staatsbürgerschaft. Es ist geschafft!

Im Herbst 1965 erreicht uns die frohe Botschaft, dass Gretetante im Lager Nürnberg gut angekommen ist. Per Bahn holt Vater Gretetante aus Nürnberg ab, sie kann ebenfalls ins Lager Regensburg zu uns nachreisen. Ende 1965 wird Vater nach Drabenderhöhe in den Oberbergischen Kreis gerufen. Dort entsteht eine neue Siebenbürger Siedlung. Er erhält eine Anstellung als Verwaltungsangestellter beim Meldeamt der Gemeinde Bielstein, später der Stadt Wiehl. Hier wird unsere Familie nun sesshaft.

Wolf Dieter Holzträger, Kierspe

Abschied und Ankommen

Auf den Pass wartete man oft mehrere Jahre. Wer aussiedeln durfte, feierte große Abschiedspartys. Oft schon mit neuen „Kränzchenfreunden“, weil Cliquen sich notgedrungen zusammenschlossen, um die entstandenen Lücken zu schließen. So war es 1989 in Agnetheln. Da wir die letzten in der Großfamilie waren, mussten wir den gesamten Hausrat auflösen. Also verkauften oder verschenkten wir ihn – bis auf die Sachen, die wir in Kisten verpackt in Bukarest beim Zoll Richtung Deutschland auf die Reise geschickt hatten. Die letzten Tage wohnten wir bei einer Tante, die Kinder bei Kränzchenfreunden, die noch nicht zu den Glücklichen gehörten, nach Deutschland ausreisen zu dürfen.

Den vorletzten Abend, es war im Juni 1989, verbrachten wir mit meinen alten Kränzchenfreunden beim Salzbrunnen, einem Naherholungsgebiet unweit von Agnetheln, wo zugleich eine Heiratsbewilligung gefeiert wurde: Sie hatte die Genehmigung bekommen, ihren Bräutigam, der schon in Deutschland war, zu heiraten. Gegen Mitternacht, nach ausgelassenem Tanzen und Singen von Abschiedsliedern, verabschiedeten wir uns von den Freunden, weil wir am nächsten Tag noch die traditionellen Abschiedsbesuche, von Haus zu Haus gehend, machen und abends den Zug nach Deutschland besteigen sollten. Diese Abschiedsminuten werde ich nie vergessen: Die Freunde begleiteten uns mit hinaus und diejenigen, die ein Auto hatten, gaben uns mit einem langen Hupkonzert das „letzte Geleit“, als wir ins Taxi stiegen. Dieses Aufheulen der Autos war für mich ein überwältigendes Klagelied, das ich, die Tränen wegwischend, tief in meinem Herzen verschloss, weil eigentlich Freude angesagt war, endlich in die Freiheit fahren zu dürfen. Im Taumel der Ausreise war für Gefühle wenig Zeit, die praktischen Dinge sperrten sie aus. Man sah voller Vorfreude nach vorne, also gen Westen.

Abends stiegen wir in Mediasch in den Zug. Unsere erste Erfahrung mit dem Geld im Westen war ernüchternd: Wir hatten 10 DM für die Reise mitgeschmuggelt, um den Kindern im Zug Essen zu kaufen. Devisen durften wir ja keine bei uns haben. 10 DM waren in Rumänien damals viel Geld, aber wir bekamen nur zwei Getränke, die sich die drei Kinder teilen mussten. Die Wiedersehensfreude mit den Verwandten und Freunden, die uns vom Zug abholten, war so groß, dass wir die halbe Nacht mit ihnen am Tor des Durchgangslagers verbrachten. Wir hatten es geschafft! Wie aufregend! Wir staunten über alles Mögliche, vor allem über das reichliche Angebot an Waren.

Zunächst wohnten wir bei meinen Eltern, später im Übergangswohnheim, alle fünf in einem Zimmer. Dankbar nahmen wir Besuche und Geschenke vieler Freunde wahr, gerne ließen wir uns die neue Heimat erklären. Täglich prasselte Neues auf uns ein, nicht zuletzt ein reichhaltiges Fernsehprogramm. Der Taumel setzte sich fort.

Zwei Monate später fand unser erster Ausflug nach Frankfurt statt. Mein Schulfreund hatte uns eingeladen. Als Tochter eines Deutschlehrers stand für mich der Besuch des Goethehauses ganz oben auf der Liste der Sehenswürdigkeiten, schließlich waren für uns Goethe und Schiller im Deutschunterricht die Größten gewesen. Als wir das „Haus am Hirschgraben“ betraten, löste sich der gesammelte Gefühlsstau in mir auf. Ich stand da und weinte so hemmungslos, dass der Mann, der die Aufsicht führte, ärztliche Hilfe holen wollte. Ich weiß nicht, was er sich dabei gedacht hat, als ich ihm, laut weinend, in abgehackten Sätzen erklärte: „Machen Sie sich keine Sorgen! Wissen Sie, JETZT bin ich in Deutschland angekommen.“

Doris Hutter, Nürnberg


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