11. Dezember 2022

Ein alter Hype wird aufgemotzt: König Charles und "Dracula"

2011 hatte Charles, der damalige Prinz von Wales und britische Thronfolger, in einem Kurzinterview erläutert, die Genealogen meinten, er sei mit „Vlad the Impaler“ verwandt (am Ende des ansonsten sehenswerten Filmchens „Wilde Carpathian“ von Charlie Ottley, das unter https://www.youtube.com/watch?v=8_ikR49Q-fk betrachtet werden kann). Das löste schon damals in den sozialen und Printmedien einen „Hype“ aus, wie man heutzutage eine ebenso spektakuläre wie viel diskutierte und doch kurzlebige Geschichte nennt: Charles – ein Nachkomme von „Dracula“! Wenig schmeichelhafte Collagen machten die Runde, die Charles‘ Antlitz neben dem berühmten Porträt von Vlad dem Pfähler aus dem Schloss Ambras zeigen. Hatte er das wirklich nötig?
Claudine von Hohenstein, geb. Rhédey, im Jahr ...
Claudine von Hohenstein, geb. Rhédey, im Jahr 1840 (aus: Wikipedia Commons, File: Rhédey Klaudia Hohenstein 1812- 1841
Nun ist Charles, rund elf Jahre später, nicht mehr Thronfolger, sondern „His Majesty Charles the Third, by the Grace of God, of the United Kingdom of Great Britain and Northern Ireland and of His other Realms and Territories King, Head of the Commonwealth, Defender of the Faith“. Die Nationalhymne setzt nun wieder mit „God save the king!“ ein. Anlass genug, die alte Geschichte von der Verwandtschaft mit einem erst im 19. Jahrhundert von Bram Stoker erfundenen, Blut saugenden Grafen „Dracula“ aufzuwärmen, den der britische Autor in Transsylvanien sein Unwesen treiben lässt. „Mit dem Zweiten sieht man besser!“ – behauptet die eigentlich recht geistreiche Werbung für das ZDF. Wirklich? Die „Berichterstattung“ mit dem Titel „König Charles Beziehung zu Rumänien“ (unter https://www.zdf.de/nachrichten/heute-in-europa/koenig-charles-beziehung-zu-rumaenien-100.html „genießbar“) setzt wenigstens drei Fragezeichen statt des Ausrufungszeichens hinter diese Behauptung.

Berichtet wird darin zunächst recht positiv darüber, dass Charles Transsylvanien oft besucht habe, die „schönen Höhenzüge und die kleinen Dörfer der Siebenbürger Sachsen“ liebe und in Deutsch-Weißkirch ein Haus gekauft habe, in dem er für seine Verhältnisse bescheiden, aber gerne wohne. Dass Charles sich für den Erhalt der traditionellen Bauten, Lebens- und Arbeitsweisen einsetze (unter anderem über den von ihm gegründeten „Mihai Eminescu Trust“), in Siebenbürgen ein Stück unberührter Natur und Lebensart erhalten wolle.

Aber dann geht’s los: Die Filmemacher „entdecken“ die „transsylvanische Ader“ Ihro Majestät (natürlich eine passende Wortwahl, wenn man eine Blutsverwandtschaft mit dem Blutsauger suggerieren möchte), weist auf Dero Verbindung zur „Dracula-Burg“ (gezeigt wird geradezu selbstverständlich die Törzburg) und „zu deren Herrscher Vlad Ţepeş, der Pfähler“. Der Sprecher schmilzt dabei auf nahezu unnachahmliche Weise zu einem „Tee-Päsch“ dahin – nun ja, wohl zu viel grünen Tee getrunken? Und, muss man leider (?) hinzufügen, derselbe finstere Fürst herrschte selbstverständlich NIE über diese Burg, die seinerzeit der Kronstädter Bürgergemeinde gehörte, nie einem Fürsten der Walachei.

Trikolorengeschmückte Vlad-Ţepeş-Büste ...
Trikolorengeschmückte Vlad-Ţepeş-Büste in der Altstadt von Schäßburg, dem angeblichen Geburtsort des späteren walachischen Fürsten. Foto: Konrad Klein
Charles bezog sich in besagtem Kurzinterview wohl auf das Buch „British Royals“ von David Hughes, der eine zweifellos bestehende Verwandtschaft von Charles mit der siebenbürgisch-ungarischen Gräfin Claudine Henriette Marie Agnes Rhédey von Kis-Rhéde (1836-1894) feststellt, dieser aber Vorfahren aus dem walachischen Fürstengeschlecht der Basarab in der Linie der Drăculeşti zuschreibt.

Die „schöne Gräfin“ Claudine heiratete 1835 in Wien den Prinzen Alexander von Württemberg, den einzigen Sohn des Herzogs Ludwig von Württemberg. Alexander wurde wegen dieser nicht standesgemäßen Ehe von der Erbfolge in Württemberg ausgeschlossen (Fachbegriff: morganatische Ehe), Claudine erhielt aber vom Kaiser den Titel einer „Gräfin von Hohenstein“. Nach sechs Ehejahren, in denen sie drei Kinder gebar, unter anderen den Herzog Franz von Teck (so sein Titel in Württemberg, im Kaisertum Österreich hieß er Graf von Hohenstein), wurde Claudine während einer Kavallerieübung bei Pettau/Ptuj von durchgehenden Pferden zu Tode getrampelt, ihr Leichnam nach Sankt Georgen auf der Heide/Sângeorgiu de Pădure/Erdőszentgyörgy in Siebenbürgen überführt und dort beerdigt. Der schmucke Franz von Teck (1837-1900) aber heiratete Maria Adelaide, auch „fat Mary“ genannt, und mit ihr in das britische Königshaus ein. Die Tochter der beiden, Mary (1867-1953), ehelichte 1863 auf Wunsch der Queen Victoria den späteren König Georg V. (1865-1936). Nach dessen Thronbesteigung (1910) wurde sie Queen Consort des Vereinigten Königreichs (wie heute Charles‘ Gattin Camilla) und Empress Consort von Britisch-Indien. Sie ist die Mutter von König Georg VI., Großmutter von Queen Elizabeth II. und Urgroßmutter von König Charles III.

Welche Spuren führen aber zum walachischen Fürstenhaus? In den britischen und rumänischen Medien zirkulieren mehrere Stammtafeln, die – basierend auf der erwähnten Publikation von David Hughes – mehrere Varianten einer möglichen Verwandtschaft zwischen Charles und Vlad Ţepeş belegen wollen. Alle Varianten weisen allerdings bestenfalls eine arg verwässerte Blutsverwandtschaft „in der siebten Suppenschüssel“ nach, wenn sie denn überhaupt aufgrund echter Geschichtsquellen überprüfbar sind. Ob David Hughes derartige Unterlagen herangezogen hat bzw. heranziehen konnte – er müsste die meist in altslawischer Schrift und Sprache verfassten Urkunden des 15.-18. Jahrhunderts lesen und verstehen können – bleibe dahingestellt. Eine von Hughes‘ Varianten wird in der Dokumentation „Count Dracula Family Tree. How Vlad the Impaler is related tot he British Royals” (zu sehen auf https://www.youtube.com/watch?v=qzmZDZ0Obp) wortreich erläutert. Sie führt zu Vlad II. (Fürst der Walachei in den Jahren 1436-1442, 1443-1447), dem unehelichen Sohn von Mircea I. dem Alten. Dieser Vlad wurde schon von den Zeitgenossen als „Dracul“ (der Drache) apostrophiert, da er Mitglied des von König und Kaiser Sigismund von Luxemburg gegründeten Drachenordens war. Er hatte aus verschiedenen ehelichen und unehelichen Verbindungen vier Söhne, die nach- und vor allem gegeneinander die Walachei regiert haben: Mircea II. (1442), Vlad III., genannt der Pfähler/Ţepeş (1448, 1456-1462, 1476), Radu III., genannt der Schöne/cel Frumos (1463-1474), und Vlad IV. genannt der Mönch/Călugărul (1481, 1482-1493). Die angebotene Linie zu Gräfin Rhedey führt in diesem Fall über Vlad Călugărul zu Mircea V. genannt der Hirte/Ciobanul (1545-1552, 1553-1554, 1557-1559) und zu dessen Tochter Stanca. Es folgt eine gepunktete Linie über acht Generationen zu besagter Gräfin Rhédey. Bei dieser Variante ist auf zwei Schwachstellen des Konstrukts zu verweisen: Wenn es denn einen walachischen Vorfahren des britischen Königs gegeben haben sollte, dann war das nicht jener „Tee-Päsch“, sondern ein unehelicher Stiefbruder desselben, nämlich Vlad IV. der Mönch. Die zweite Schwachstelle ist gravierender, nicht nur weil eine gepunktete Linie in der Genealogie so gut wie nichts aussagt, sondern auch, weil Stanca, die Tochter des Mönchs, in den Indizes der Urkundenedition „Documenta Romaniae Historica. Seria B: Ţara Românească“ nicht zu finden ist, ebensowenig auf verschiedenen genealogischen Tafeln der Familie Rhédey, beispielsweise jener von Iván Nagy, die 1862 in Pest erschienen ist, also lange vor dem Hype um die drakuleske Herkunft von Charles III. Nagy hat übrigens fein säuberlich auch die Namen der jeweiligen Gattinnen der Grafen Rhédey in die Stammtafeln eingetragen. Die anderen Varianten, die Hughes ins Spiel gebracht hat, und die nur schwer überprüfbar sind, weil Quellennachweise fehlen, sind den rumänischen Publizisten lieber, da sie direkt zum Nationalhelden Vlad Ţepeş führen, nämlich zu den Nachkommen seiner Söhne Vlad Ţepeluş und Mihnea I. den Bösen/cel Rău. Zwischenglieder in dieser Kette sind Kinder aus den Familien Kendeffy und Forgách, die zu den Vorfahren von Claudines Mutter Ágnes, geb. Inczédy, gehören.
Längst Teil der Popkultur: Vlad Ţepeş ...
Längst Teil der Popkultur: Vlad Ţepeş alias Dracula auf einer Wandmalerei am Lügenmuseum in Gantikow bei Neuruppin, gemalt von Katharina Zipser Anfang der 1990er Jahre. Wandbild, auf dem Vlad der Pfähler (in Bundschuhen!) mit Michael Jackson und dem Lyra spielenden Nero ihr Stelldichein haben. Unten rechts, winkend, das Ehepaar Ceausescu. Foto und Bildunterschrift: Konrad Klein.
Nun, da Charles König ist, wollen alle mit ihm verwandt sein [ich will das ganz gewiss nicht!]. In den ungarischen Medien wird stolz auf seine magyarische Herkunft verwiesen, obwohl die „schöne Gräfin“ aus dem seit 1918/20 zu Rumänien gehörenden Siebenbürgen stammt; in den rumänischen wird die angebliche Verwandtschaft mit „Dracula“ hochgejubelt. Beide Medien und auch selbstberufene „Historiker“ beider Seiten wollen ihr Land aufwerten und den internationalen Tourismus auf dasselbe lenken. Realität, historische Wahrheit, kann da nur stören. Auch dann, wenn die rumänische Geschichtsschreibung Vlad III. den Pfähler als nationalen Helden feiert, sich aber trotzdem nicht widersetzt, wenn ihn die Tourismusagenturen des Landes als blutsaugendes Monster vermarkten, einem Phantasieroman aus dem 19. Jahrhundert den Vorzug gebend, der aber mit den historischen Fakten nahezu nichts gemein hat.

Sieht man beim Betrachten dieses Filmchens wirklich „mit dem Zweiten besser“? Es gibt zu viel Stuss zum Besten, basiert auf keiner guten, vielmehr schlampigen und unzuverlässigen Recherche und gibt sich „blaublütigen“ Pseudohistorisierungen hin. Vermarktung und unreflektierte Anbiederungen an Mythen und Popkultur werden offenbar bevorzugt.

Konrad Gündisch

Schlagwörter: König Charles, Prinz Charles, Dracula, Konrad Gündisch

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