6. Dezember 2007

Kritik zum Dokumentarfilm „Einst süße Heimat“

Linz, am 30. November - Ein junger, dunkelhaariger Künstler tritt vor Beginn des Filmes vor das versammelte Publikum, etwa 50 Personen. Der gebürtige Oberösterreicher Gerald Igor Hauzenberger begrüßt die Gäste und erläutert seine Gedanken zum Film, den er in Siebenbürgen gedreht hat, weil ihn dieses „Land jenseits der Wälder“ faszinierte. Die multiethnische und multikonfessionelle Gesellschaft und ihre Geschichte hätten ihn herausgefordert, die alte und jüngere Geschichte der Siebenbürger Sachsen exemplarisch an zwei Personen zu veranschaulichen. Film ab.
Nebelbilder leiten ein. Sie gleichen den die Geschichte verhüllenden Vorhängen und lassen mehr ahnen, als erkennen. Vertraute, melancholische Bilder wecken die Aufmerksamkeit. Die vom Moos überwucherten Wehrtürme und Dächer der bröckelnden Kirchenburg fangen die Vergänglichkeit ein. Eine Turmperspektive zeigt unbarmherzig die vom Zahn der Zeit schwer gezeichneten Straßenzeilen, in denen einzelne Ruinen wie offene Wunden Löcher reißen. Auf der morastigen Straße Pferde, Kühe und ein Büffel. Lustlos wird die Milchkanne in einem kaputten Handkarren zum Sammelzentrum geführt. Dann tritt das unaustauschbare Unikum, unser Landsmann Johann Schuf, der 82-jährige „Volksphilosoph“ in Jakobsdorf, in den Mittelpunkt des Geschehens.

Mit ungeheurer Liebe und Einfühlungsvermögen hat der Regisseur dieses Original in Bild und Ton erfasst. Nichts ist gekünstelt, die warmen Bilder widerspiegeln das Chaos des Junggesellen, sein bärtig-zerfurchtes Antlitz prägt sich einem ein, seine Stimme wird vertraut. Dieser alte Mann gibt einen ehrlichen Einblick in sein Leben. Seine Lebensphilosophie ist brutaler Materialismus und erinnert in der Revolte gegen Gott an das absurde Theater: Demokratie tauge nichts und sei viel zu teuer; nur ein „starker Mann“ könne das Volk führen, so Schuff. Er ist ein Verlassener, Einsamer und Enttäuschter, der auch der Kirche den Rücken gekehrt hat, denn er kann Gott den großen Fehler nicht verzeihen, dass er uns Menschen als denkende Geschöpfe geschaffen hat.
Johann Schuff zeigt ein Foto von sich als ...
Johann Schuff zeigt ein Foto von sich als Angehöriger der Waffen-SS.

Faszinierend für mich war dann gerade sein subjektives Nachdenken, das ihn unaustauschbar werden ließ. Er ist wie viele Siebenbürger Sachsen in der Geschichte hängen geblieben - einerseits ist es die „Treue zu Volk und Vaterland“ in der über 850-jährigen Geschichte. Die von den „Restsiebenbürgern“ gesungene Hymne „Siebenbürgen, Land des Segens“ löste einen kalten Schauer und Wehmut in mir aus. Da muss man betroffen werden. Auch bei mir meldete sich jenes verdrängte Schuldgefühl, die Heimat verlassen zu haben. Es stimmt schon, dass die Auswanderung auch die Preisgabe dieser historisch-kulturellen Landschaft und Gemeinschaft bedeutete. Er und noch eine Handvoll in den einzelnen Dörfern lebende Sachsen wagten diesen Schritt in die Fremde nicht. Die schwermütigen Lieder der „Restmusiker“ wie „Waldeslust“ hallen nach. Sie drücken die Verwurzelung in der Heimat aus und sind verflochten in den sichtbaren Untergang. Ihnen, den „letzten Treuen“ in der Heimat, sind die Verlassenheit und das Vergehen unserer Geschichte ins Antlitz gezeichnet. Ihre bröckelnden Häuser, das geliebte Dorf mit seiner einzigartigen Kirchenburg und die mit Betonplatten zurückgelassenen, für die Ewigkeit versiegelten Gräber wagen sie nicht zu verlassen und werden selber Teil der morbiden und belastenden Gegenwart.

Seit den neunziger Jahren, dem Ende des Kommunismus, taucht die verdrängte und total verklärte Zeit des Nationalsozialismus bei Herrn Schuf auf. Er ist bereit, dieses ihn zutiefst prägendes Kapitel seines Lebens zu öffnen. Ich denke daran, wie wenige Landsleute der Kriegsgeneration sich der „Vergangenheitsbewältigung“ stellen. Dass diese Zeit zugleich auch mit seiner Jugend zusammenfiel und der irrationalen Begeisterung so vieler Siebenbürger Sachsen, verhindert (nicht nur) bei Schuff eine sachliche Auseinandersetzung mit dieser so subjektiv erlebten Zeit. Für einige Jahre, von etwa 1939/40 an, stand das mächtige „Dritte Reich“ der ohnmächtigen deutschen Minderheit in Rumänien zur Seite. Berlin handelte mit der befreundeten rumänischen Regierung ungeheure politische Minderheitenrechte für die „Volksdeutschen“ aus und auch den Eintritt der Volksdeutschen in die Waffen-SS. Als Soldat hatte Herr Schuf es gut, „denn dort funktionierte alles perfekt, man musste gar nicht denken, das übernahmen die Vorgesetzten“. Auch die Rassentheorie leuchtet ihm nach wie vor ein, wobei er Tierrassen und die Menschenrasse ein wenig verwechselt. Auch die typische siebenbürgisch-sächsische Hybris, unsere wohl in dem Überlebenskampf der Minderheit begründete Überheblichkeit, wird von ihm artikuliert. Wir sind etwas Besseres, davon zeugen unsere Geschichte, die Dörfer und Städte. Neben den „Zigeunern“, ja sogar gegenüber den Rumänen heben wir uns positiv ab. Durch die Leugnung der KZs und der Vergasung von Millionen Juden würde er sich in Deutschland und Österreich strafbar machen. Er, der „Hinterwäldler“, denkt vordergründig gar nicht moralisch, sondern „materialistisch und ökonomisch“. Hitler hätte ja „viel billigere Methoden, wie das Vergiften des Essens oder Erschießen gewählt und kein Geld in teure Anlagen investiert, da er das Geld für Panzer brauchte!“ Man hält betroffen den Atem an .
Regisseur Gerald Igor Hauzenberger(rechts) im ...
Regisseur Gerald Igor Hauzenberger(rechts) im Gespräch mit Johann Schuff.

Der 39-jährige Regisseur Hauzenberger meldet sich zu Wort, um die Wahrheit zurechtzurücken. Er erzählt Herrn Schuf von den grausamen Erfahrungen seines Großvaters im KZ Mauthausen. Schuf gibt klein bei („Wenn ein älterer Mensch das mit eigenen Augen erlebt hat, dann muss es wohl stimmen.“). Der Provinzialismus und die im Nationalsozialismus verordnete ideologische Brille lässt ihn den Krieg und den Tod mit eisiger Logik, ohne Mitgefühl betrachten. Die Morde lassen den vom Leben und der tristen Gegenwart Gezeichneten scheinbar kalt. Er habe als Soldat keine Gelegenheit gehabt, jemanden zu erschießen, sonst hätte er es getan, erzählt er freimütig.

Schuff ist umweltbewusst und naturverbunden und will alles dem natürlichen Kreislauf der Dinge zuführen. So werden auch Tierknochen verbrannt und zu wertvoller Asche fürs Düngen. Er selber möchte allein sterben. In seinem Garten, in ein Leintuch eingewickelt will er beerdigt werden und die 80 Prozent Wasser seines Körpers wieder in den Wasserkreislauf einbringen. Hinter der harten Fassade schlägt in ihm ein lebendiges, einsames und enttäuschtes Herz. Eines ist die Theorie und verschrobene Ideologie, dass andere der Mensch Johann Schuf. Er, der Vertreter der Rassentheorie und Verächter der Romas, hat testamentarisch seinen Hof der „Zigeunerfamilie“ überschrieben, denn sie haben acht Kinder! Eine junge Romafrau ist seine „Freundin“. Er, der Einsame, der sich jenseits christlich-humanitärer Gedanken versteht, legt eine berührende „Lebensbeichte“ ab und bekennt, dass er alles falsch gemacht hat. Damit wird er für mich verwundbar, menschlich und sympathisch.
Die Landlerin in Neppendorf: Maria Huber ...
Die Landlerin in Neppendorf: Maria Huber

Die andere Protagonistin des Films, Frau Maria Huber, die fleißige „Landlerin“ aus Neppendorf, vertritt die anima, die weibliche Seele. Sie hat erkannt, dass „Hitler uns ins Elend führte“. Sie war in die Sowjetunion deportiert worden, überlebte dort fünf Jahre Zwangsarbeit. Ihre Jugend ging verloren und der Krieg nahm die Männer, so dass sie ehelos bleiben musste - einen Rumänen zu heiraten kam nicht in Frage. Auch sie kennt ihre Geschichte gut. Ihr Landlerdialekt lässt den Kenner das Ursprungsland heraushören. Die Legende von den wegen Radbruchs in Großpold, Großau und Neppendorf zurückbleibenden Landlern erheitert. Als gute Tochter kümmerte sie sich um ihre Eltern. Sie, die um ihre Sterblichkeit weiß, hat schon ihren Namen, Geburtsdatum und das falsche Sterbejahrhundert auf dem Familiengrabstein eingravieren lassen. Unser Herrgott hat ihr ein Schnippchen geschlagen und so muss die Sparsame bei ihrem Tod die erste Zahl 19 durch 20 ersetzen lassen. Sie ist tüchtig, ordentlich und herrisch, lässt sich nicht gerne von anderen zeigen, wie man Trauben presst, vor allem nicht, wenn die „Schlauere“ jünger ist. Das Alleinsein verlieh ihr eine gewisse Selbstständigkeit, aber auch Sturheit. Auch Frau Huber ist ein unverkennbares Original. Auch sie ist einsam, jedoch findet sie in der christlichen Restgemeinde in Neppendorf Anschluss. Die Häuser sehen hier nicht so trostlos verlassen und dem Ruin preisgegeben aus. Sie ist des Lebens müde und bereit zu sterben. Sie ist ebenfalls Botin aus einer anderen Zeit und Welt, leidet an der Tristesse der Gegenwart und unter der Zukunftslosigkeit. Ihr Haus und Garten sind in Ordnung und ihrer steten Pflege anvertraut. Sie ist auch in der alten Heimat geblieben, jedoch sehnt sie sich nach der ewigen.

Der Film „Einst süße Heimat“ hinterlässt einen tiefen Eindruck. Er machte mich wehmütig, nachdenklich, traurig und betroffen. Diese Landlerin und dieser Siebenbürger Sachse sind unsere Landsleute in Siebenbürgen, authentische Persönlichkeiten - und für uns im Westen eine Herausforderung. Die unüberhörbar tickenden Uhren in ihren Zimmern sagen viel aus. Dem jungen und begnadeten, feinfühligen Künstler Gerald Igor Hauzenberger gebührt unser Dank für diesen tiefsinnigen, ehrlichen Dokumentarfilm. Seine Humanität und Menschenfreundlichkeit wird auch daran sichtbar, dass er den beiden „Akteuren“ den Film vor der Veröffentlichung vorgeführt hat und sie um ihr Einverständnis bat. In unserer so skrupellosen und nach Schlagzeilen süchtigen Welt ist das eine rühmliche Ausnahme.

Bundesobmann Pfr. Prof. Volker Petri

Schlagwörter: Film, Kritik, Landler

Bewerten:

160 Bewertungen: ++

Neueste Kommentare

  • 19.12.2007, 21:04 Uhr von Weilau: Es, freut mich, dass die Idee gut angekommen zu sein scheint! Grundsätzlich sollten wir unseren ... [weiter]
  • 19.12.2007, 20:28 Uhr von rio: Die Idee ist nicht schlecht, nur bezweifle ich dass Schuff das in seinem Alter noch antun würde. ... [weiter]
  • 18.12.2007, 22:56 Uhr von Weilau: Bravo, rio! Wie gefiele die Idee Herrn Schruff zum hier Mitschreiben einzuladen? Sicher ein ... [weiter]

Artikel wurde 20 mal kommentiert.

Alle Kommentare anzeigen.

Zum Kommentieren loggen Sie sich bitte in dem LogIn-Feld oben ein oder registrieren Sie sich.