29. November 2007

Die Kirche in dramatischen Prozessen zusammengehalten

Am 20. November 2007 erfüllte Bischof D. Dr. Christoph Klein sein 70. Lebensjahr. Diese Lebensstation wird in der Bibel als die Gesamtheit der uns Menschen zugedachten Jahre markiert und lädt von daher zum Innehalten ein, um dankbar auf die Wegleitungen Gottes zurückzuschauen, auch wenn sie zuweilen „durch dunkle Täler“ geführt haben.
Das Amt des Bischofs der Evangelischen Kir­che A.B. in Siebenbürgen/Rumänien war seit der Reformation von einer besonderen Würde geprägt und hat nach der Auflösung der Nations­universität zusätzlich eine weitere Bürde auferlegt bekommen. Durch die Jahrhunderte sind immer wieder herausragende Persönlich­keiten in das höchste Amt der siebenbürgischen Kirche berufen worden, die, verankert in der Tradition der Vorfahren, gebunden an Bibel und Bekennt­nis, den Dienst zum Segen ihrer Volkskirche geleistet haben. Das Kirchenvolk der Sieben­bür­ger Sachsen hat zu ihren Bischöfen stets aufgeschaut und von ihnen geistliche, streckenweise auch politische Orientierung, Schutz und pastorale Begleitung erwartet. Dieses Verhältnis hat sich bis in die Gegenwart nicht verändert. Im Gegenteil, nach der politischen Wende ist der evangelische Bischof in Hermannstadt im In- und Ausland eine der am meisten gefragten und geachteten kirchlichen Persönlichkeiten. Das gilt auch für die Gemeinschaften der Sie­benbürger Sachsen, die nicht mehr in Siebenbürgen/Rumä­nien leben und ihrer Heimatkir­che und ihrem Bischof verbunden geblieben sind. Anlässlich von Besuchen in Deutschland ist Bischof Klein ein gerne gesehener Gast bei den Heimattagen in Dinkelsbühl, als Festpre­diger an Kirchen­tagen und vielen anderen Veranstaltungen. Die Sieben­bürger Sachsen spre­chen wie selbstverständlich von „unserem Bischof“.
Bischof D. Dr. Christoph Klein im Festsaal des ...
Bischof D. Dr. Christoph Klein im Festsaal des Bischofspalais; an der Wand die Bilder von Bi­schof Friedrich Teutsch und Viktor Glondys. Foto: Konrad Klein
Bischof Klein wurde 1937 in Hermannstadt geboren, wo er in schweren Jahren der Kriegs- und Nachkriegszeit seine Kindheit und Schul­zeit verbrachte. 1954 legte er mit vorzüglichen Zeugnissen die Matura ab und entschloss sich, Theologie zu studieren. Das war in jenen Jah­ren außergewöhnlich. Er selbst schreibt darüber: „Als ich mich für das Theologiestudium und den Dienst an unserer Kirche entschied, gab es bei vielen Freunden und Bekannten Kopf­schütteln. Meinen Eltern und mir kam es öfter – mit manchmal beschwörenden Worten – zu Ohren: Pfarrer ist kein Beruf mit Zukunftsaussichten. In einigen Jahren wird die Kirche kaum mehr bestehen. Die neue Zeit hat keinen Platz für Religion und Gott; Geistliche werden höchstens noch eine Randexistenz haben!“ Das war vor 53 Jahren. Sein Leben und Wirken sollte zu einem „Dennoch“ des Glaubens und der Hoffnung, gegen die Realitäten der Welt werden.

Das Studium der Theologie, ein Jahr in Klau­senburg und dann weiter in Hermannstadt, faszinierte ihn und nahm ihn völlig in Beschlag. Mit dem ihm eigenen Fleiß und der ihm eigenen Gründlichkeit fand er über die alten Sprachen und Einleitungsfächer Zugang zur akademischen Theologie, die ihn bis in die Gegenwart nicht mehr losgelassen hat. In den späteren Jahren sollten viele Theologiestudierende und Doktoranden an seinem theologischen Denken und Forschen teilhaben.

Das Studium dauerte nur vier Jahre mit anschließendem Vikariatsjahr in Zeiden und der Ordination ins geistliche Amt. Anschließend wurde er als Pfarrer in Katzendorf eingesetzt. Es folgten Jahre der Familiengründung. Drei Kinder wurden ihnen in der Ehe mit der Theo­login Marlene geb. Wermescher geschenkt. Bald erging der Ruf an ihn in ein Pfarramt in Her­mannstadt, dem er gerne folgte. Dort konnte er sein Doktoratsstudium erfolgreich fortführen.

Sehr bald erhielt er eine Professur für systematische Theologie an der theologischen Fakul­tät in Hermannstadt. Die Ergebnisse seiner wissenschaftlichen Arbeiten fanden ihren Nie­der- ­schlag in vielen Vorlesungen und einer Reihe von Studien- und Buchveröffentlichun­gen. 1986 erschien im Martin Luther Verlag Erlangen der Band: „Auf dem andern Wege – Aufsätze zum Schicksal der Siebenbürger Sachsen als Volk und Kirche“. Den Band widmete er seiner allzu früh „heimgegangenen Ehefrau Marlene.“ Es folgten „Das große Fenster“, „Ausschau nach Zukunft“, Bücher über die Beichte, die Versöhnung, das grenzüberschreitende Gebet sowie zwei Predigt­sammlungen, die von systematischem Denken, vor allem aber von seinem lebendigen Glauben, der ihn durch gute und schwere Zeiten getragen hat, geprägt sind. Ein wichtiges Anliegen war der wissenschaftliche und persönliche Austausch mit den Theologen im Innland und, soweit es möglich war, auch im Ausland, bei Gastvorle­sungen und während einer Gastprofessur an der Universität Wien, die ihm die Ehrendoktor­würde verlieh.

Neben dem Hochschullehramt übernahm er in schwierigen Zeiten 1972-1974 auch das Amt des Hermannstädter Stadtpfarrers. Es war eine Zeit, in der vor allem die Seelsorge im Vorder­grund seiner Tätigkeit stand, für die ihm die Ge­meinde sehr dankbar war. Als Dekan der Theo­logischen Fakultät (1979-1986) und seit 1982 als Bischofsvikar wurde er in kirchenleitende Aufgaben mit einbezogen und mit dem vertraut gemacht, was auf ihn zukommen sollte.

1990 wurde D. Dr. Christoph Klein durch die Landeskirchenversammlung zum Bischof der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien berufen. Er ist der 35. evangelische Bischof in der Reihe der siebenbürgisch-sächsischen Bischöfe seit der Reformation im 16. Jahrhundert. Die Zeit, in der ihm das bischöfliche Amt übertragen wurde, ist in der Geschichte der Siebenbürgischen Volks­kirche unvergleichlich. Denn die dramatische Entwicklung durch die Auswanderung hatte zur Folge, dass die meisten bis dahin tragenden Gemeinschaftsstrukturen zusammenbrachen. Es galt, die klein gewordene Kirche zusammenzuhalten und für sie neue Formen einer Diaspo­rakirche zu erschließen. Es galt, neue Strukturen und auch ein neues theologisches Konzept zu finden, in dem „harte Wirklichkeit und geglaubte Wahrheit“ zu korrespondieren hatten, wie Bischof Klein das formulierte. Schon in den Jah­ren zuvor hatte ihn das Thema der Versöhnung intensiv beschäftigt und geprägt. „Die Kirche der Ordnungen“ konnte so nicht fortgesetzt werden. Sie sollte eine „Kirche der Liebe“ sein. Diese Grundeinstellung erwies sich im fortdauernden Prozess der Schrumpfung der Mitgliederzahl der Kirche als tragende Kraft. Liebevolles Nach­gehen, viele Besuche in den Gemeinden, ausführliche Gespräche in den Leitungsgremien, sorgfältige Entscheidungsfin­dun­gen im Aus­tausch mit den Dechanten, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern prägten seinen Führungsstil. Nur so konnten Konzepte für die Zukunft entstehen, nur so konnte der Bischof die kontinuierlichen Verabschiedungen von Gemeindeglie­dern und engsten Mitarbeitern aushalten. Die Einführung der Frauenordination ins geistliche Amt war ein historischer Akt, den Bischof Klein trotz einiger aufreibender Kontroversen mit Umsicht und seel­sorgerlichem Feingefühl umsetzen konnte.

Der dramatische Prozess der Auswanderung geschah ursprünglich unter dem Zeichen der „Familienzusammenführung“. Im Endergebnis war es ein „Auseinanderführen“, und das nicht nur im geographischen Sinn. Dass in diesem Prozess Verurteilungen und Verletzungen geschehen sind, belastete die siebenbürgische Ge­meinschaft zutiefst.

Bischof Klein hat in diesem schweren Zeitab­schnitt das Amt, das die Versöhnung predigt, umgesetzt und gelebt. Freilich konnte er klagen und deutlich auf die Verantwortlichkeit für die zurückgelassenen, meist alten und hilfsbedürftigen Menschen hinweisen. Freilich konnte er in aller Klarheit die Verantwortung für die Er­haltung der einzigartigen Kulturgüter und vieles andere mehr anmahnen, ohne jedoch anzuklagen oder zu verurteilen, sondern stets darum bemüht, zu verbinden und zu versöhnen. Dafür ist ihm ganz herzlicher Dank auszusprechen.

In dem 70. Lebensjahr von Bischof Klein genießt Hermannstadt die Aufmerksamkeit Euro­pas. Es ist nicht zuletzt sein Verdienst, dass der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien eine nie dagewesene Aufmerksamkeit und Wertschät­zung in der weltweiten Ökumene entgegengebracht wird. Bischof Klein ist Vizepräsident des Lutherischen Weltbundes sowie Mit­glied des Exekutivkomitees des Ökumenischen Rates der Kirchen und Vizepräsident des ökumenischen Vereins der Kirchen in Rumänien (AIDROM).

Eines seiner Bücher trägt den Titel: „Ausschau nach Zukunft.“ Dort beschreibt er eine wichtige Erfahrung: „Wir lernen unsere Kirche nicht mehr von der Zahl und der numerischen Größenord­nung zu verstehen, sondern von den Aufgaben und vom Dienst her, der von uns erwartet und von anderen auch angenommen wird. [...] Als Kirche Jesu Christi lutherischer Konfession und deutscher Tradition in Rumänien existiert sie nicht nur weiter, sondern erhält eine zunehmen­de Bedeutung, wie sehr sie zahlenmäßig noch mehr schrumpfen und zunehmend zweisprachig werden wird. Sie kann ihren Beitrag wahrnehmen, in der Zuversicht auf eine unbekannte, aber von Gott verheißene Zukunft und im Gehor­sam gegenüber dem Evangelium Jesu Christi.“

Bischof Klein ist getragen von einem gefestigten Glauben und erfüllt mit großer Zuversicht. In seinem unermüdlichen Einsatz für seine Kirche darf er nicht allein gelassen werden.

Das Hilfskomitee der Siebenbürger Sachsen und evangelischen Banater Schwaben im Diakonischen Werk der EKD, der Verband der Siebenbürger Sachsen in Deutschland sowie die Heimatortsgemeinschaften grüßen auf diesem Wege Bischof D. Dr. Christoph Klein zu seinem Geburtstag und wünschen ihm Gottes Segen, Gesundheit und noch viele gute Jahre.

Hermann Schuller, Dekan i. R.

Schlagwörter: Kirche und Heimat, Porträt

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Neueste Kommentare

  • 01.01.2008, 23:46 Uhr von Robert: Betreffend das Portrait von Bischof D. Dr. Christoph Klein auf TVRi: Vielen Dank für den Hinweis. ... [weiter]
  • 30.12.2007, 01:38 Uhr von piturca: Ein Portrait von Bischof D. Dr. Christoph Klein wurde vor kurzem im Rahmen der deutschen Sendung ... [weiter]
  • 03.12.2007, 20:29 Uhr von Johann: Aber das würde hier vom Thema ablenken und müsste woanders andiskutiert werden. Richtig, ... [weiter]

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