25. September 2012

Wir machen ihnen den (Fried-)Hof

Wie auch Ursula und Susi (Großraum München), Pier aus Italien und die Polin Anna brach ich Anfang August nach Schäßburg auf, um Teile des Bergfriedhofs instand zu setzen. Zwei Wochen verbrachten wir gemeinsam in einem von der Evangelischen Kirchengemeinde und dem Internationalen Bauorden organisierten Workcamp. Zwei Wochen Arbeit, zwei Wochen siebenbürgischer Kultureinfluss, zwei Wochen gefüllt mit Eindrücken.
Es ist Morgen in Schäßburg. Während sich die Bahn schnaufend durchs Tal schiebt, geht es auf dem Bergfriedhof bereits zur Sache. Im Schatten der Bäume bringen wir die Bürsten zum Tanzen. Nach rechts, nach links. Vor und zurück. Die stumpfen Grabsteine ersticken jeden Versuch geschmeidiger Bewegungen im Ansatz. Staub wirbelt auf, Moos fliegt durch die Luft. Es geht voran.

Unterdessen ist im Pfarrhof die ruhige Hand gefragt. Wenn der Pinsel rotiert, bekommt das Grab ein Stück seiner Identität zurück. Den Namen des Gefallenen aus dem Ersten Weltkrieg. Weiß auf Schwarz ziert er das Metallschild.
Auch hohe Temperaturen waren kein Hindernis, Hand ...
Auch hohe Temperaturen waren kein Hindernis, Hand anzulegen. Foto: Susanne Lubosch
Es ist Mittag in Schäßburg, Siesta bei Sommer-Hitze. Das polnische, italienische und deutsche Gemüt ist bei Temperaturen jenseits von 35° C nicht mehr in der Lage, Hand anzulegen. Erst am späten Nachmittag erklimmen wir noch einmal die Stufen der Schülertreppe, um auf dem Friedhof eine zweite Schicht zu bewältigen.

An Tagen, an denen die Arbeit ruht, fahren wir raus. Siebenbürgen präsentiert sich uns in seiner einzigartigen Vielfalt. Städte, Dörfer, über Land. Eine Landschaft, die zu dieser Jahreszeit zwar unter extremer Trockenheit leidet, uns jedoch mit seichten Hügeln und endloser Weite in ihren Bann zieht. Nach zwei Wochen unter rumänischer Sonne und im Zeichen des Erhalts siebenbürgischen Kulturguts können wir Schäßburg zufrieden den Rücken kehren. Wir sehen den Friedhof in einem anderen Licht, durchleben in Gedanken noch einmal die Stunden körperlicher Anstrengung.
Ein starkes Team: Die Freiwilligen Lea Knopf, ...
Ein starkes Team: Die Freiwilligen Lea Knopf, Ursula Zimmermann, Anna Rydel, Susanne Lubosch und Pier Paolo Amodeo. Foto: Dieter König
Wie lange dauerte es, die Steine in neuem Glanz erstrahlen zu lassen? Welcher Aufwand verfolgte uns bis in die Werkstatt und bescherte uns lange Nachmittage im Auftrag, Buchstaben ordnungsgemäß auf Metallschilder aufzutragen? Woher nahmen wir die Energie, uns noch kurz vor Arbeitsende ein von Efeu bedecktes und von Büschen umringtes Grab vorzunehmen?
Die Gräber der Gefallenen aus dem Ersten ...
Die Gräber der Gefallenen aus dem Ersten Weltkrieg erstrahlen in neuem Glanz. Foto: Lea Knopf
Wir wollten etwas bewegen und haben es geschafft. Es wird bald Herbst in Schäßburg. Laub wird unser Tagwerk verdecken. In ein paar Jahren wird unsere Arbeit auch im Frühling, Sommer und Winter nicht mehr zu sehen sein.

Doch es ist der Moment, der für uns zählt.

Lea Knopf

Schlagwörter: Schäßburg, Friedhofspflege, Jugend

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Neueste Kommentare

  • 25.09.2012, 13:12 Uhr von gogesch: Das könnte auch ein Vorbild für unsere SJD sein. [weiter]
  • 25.09.2012, 12:35 Uhr von Struwwelpeter: Ja, nachdenken, um Wege zu finden, über unsere gemeinsame Verantwortung, die sächsischen ... [weiter]
  • 25.09.2012, 10:50 Uhr von gogesch: Ein interessanter Artikel, der zum Nachdenken anregt. [weiter]

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