7. März 2018

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Heimat - ein Gefühl und weitaus mehr

„Verstehen und verstanden werden - das ist Heimat.“, sagte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Rede beim Festakt zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 2017 in Mainz. Könnte sich in diesem Sinne nicht auch die sogenannte Generation Internet im Netz beheimatet fühlen? Wo sich junge Menschen rund um die Uhr mit ihren „Freunden“, ihrer Community, in ihrer Sprache, mit ihren Symbolen und Abkürzungen austauschen und verständigen, chillig chatten, also sich gemütlich unterhalten. Neue Heimat Facebook und WhatsApp? - Dem Schlüsselbegriff Heimat ist die Umfrage des Monats März auf der Homepage unseres Verbandes www.siebenbuerger.de gewidmet, mit bisher bemerkenswerter Resonanz.
Lange Zeit schien der Heimatbegriff in der Versenkung verschwunden, heute erlebt er seine Renaissance in unserem kollektiven Bewusstsein. Fragen wir nach dem Warum, drängt sich die unaufhaltsam fortschreitende Globalisierung, die internationalen Verflechtungen in Wirtschaft, Politik, Kultur und Kommunikation, als Hauptgrund auf. Dynamische Wandlungsprozesse greifen in allen gesellschaftlich relevanten Bereichen rasant um sich. Die digitale Revolution bestimmt unsere Arbeitswelt und verändert unseren Alltag massiv. Im Zuge der seit Jahrzehnten zu beobachtenden Individualisierung, des Wertewandels, der Pluralisierung sozialer Milieus stellen sich vielfach Unsicherheit, Befremden, Angst vor sozialem Abstieg, vor „Heimatverlust“ ein. Zukunft, ehedem noch am fernen Horizont irrlichternd, findet inzwischen heute statt. In solchen Zeiten wächst das Bedürfnis nach Vertrautem, nach Sicherheit, nach Heimat.

Den existenziell wichtigen Wert der Heimat hat die weltweite Zunahme der Flüchtlingsströme in besonders bedrückender Weise in das öffentliche Bewusstsein gerückt. Bis Ende 2015 mussten laut einem UN-Bericht mehr als 65 Millionen Menschen weltweit ihre Heimat verlassen. Die Vereinten Nationen haben niemals zuvor eine höhere Zahl von Flüchtlingen, Asylsuchenden und Vertriebenen registriert.

Heimatbegriff mit der Welt im Wandel


Unser Heimatbegriff ist eng gekoppelt an die kollektiv geprägte Identitätsbildung, die frühen Sozialisationserlebnisse in der Familie (Gruppe, Volk, Nation) über die heimatortsspezifische Sprache, Mentalität, Religion, Kultur, Landschaft, Weltanschauung etc. Die emotionale Bindung zur Heimat, das geistig, kulturell und sprachlich begründete Zugehörigkeitsempfinden ergänzt im Erwachsenenalter oft auch die politische Heimat.

Die politische Dimension des Heimatbegriffs unterliegt der Wirkkraft der geschichtlichen Epochen, ist also wandelbar. Der historisch gewachsene Fundus an politisch-ideologischen Konzepten im Spannungsfeld zwischen Diktatur und Demokratie ist reich, enthält neben der parlamentarischen Demokratie der Weimarer Republik ebenso die nationalsozialistische „Blut und Boden“-Propaganda; das 177 Jahre alte „Lied der Deutschen“, dessen dritte Strophe unsere deutsche Nationalhymne ist, proklamiert „Einigkeit und Recht und Freiheit“; in Zeiten wachsender Renationalisierung büßt der nach dem Zweiten Weltkrieg als Projekt entwickelte Europagedanke an identitätsstiftender Strahlkraft ein.

In der aktuellen politischen Debatte versuchen Parteien den komplexen, vielschichtigen Begriff Heimat zu besetzen. Das geschieht mal mit betont modernem, liberalem Zuschnitt, mal mit verklärend-nostalgischem Gepräge, mitunter auch, wie seitens der „Neuen Rechten“, im nationalistischen Tonfall.

Kurzum: „Heimat“ hat Hochkonjunktur. Das Bundesinnenministerium, das der CSU-Parteivorsitzende Horst Seehofer demnächst übernehmen will, soll dann erweitert werden um einen Bau- und einen Heimatbereich. Ein Korrekturbedürfnis wurde jüngst auch beim Deutschlandlied angemeldet. Anlässlich des Weltfrauentages am 8. März schlug die Gleichstellungsbeauftragte im Familienministerium, Kristin Rose-Möhring, vor, die Nationalhymne geschlechtsneutral zu fassen, zu „gendern“: So ließe sich im Deutschlandlied „Vaterland“ durch „Heimatland“ ersetzen. Online-Umfrage \"Heimat bedeutet für mich ...\" ...Online-Umfrage "Heimat bedeutet für mich ..." auf www.siebenbuerger.de (Screenshot vom 6.3.2018) Bundespräsident Steinmeier äußerte sich in seiner erwähnten Rede zum Tag der Deutschen Einheit überzeugt: „Heimat weist in die Zukunft, nicht in die Vergangenheit. Heimat ist der Ort, den wir als Gesellschaft erst schaffen. Heimat ist der Ort, an dem das ‚Wir‘ Bedeutung bekommt. So ein Ort, der uns verbindet – über die Mauern unserer Lebenswelten hinweg –, den braucht ein demokratisches Gemeinwesen und den braucht auch Deutschland.“

Die deutsche Journalistin und Schriftstellerin russisch-jüdischer Herkunft Lena Gorelik (ihr Debütroman „Meine weißen Nächte“ wurde von der Kritik gefeiert) fragt in ihrem 2017 in der Zeit veröffentlichten Text „Heimat ist ein Gefühl“: „Ist Heimat ein Haus, ein Ort, ein Land? Muss das Zuhause in der Heimat liegen? Darf die Heimat einem fremd sein?“ Die 1981 in Leningrad (heute St. Petersburg) geborene Autorin (kam 1992 zusammen mit ihrer Familie als „Kontingentflüchtling“ nach Deutschland) bekennt: „Die Definition verfasse wie fühle ich gleichermaßen in der deutschen Sprache, einer Sprache, die nicht meine Muttersprache, aber mein Zuhause ist. Die Sprache gehört mir“. Und weiter: „Zu Hause ist, wo ich mich frei und nackt und mit allem, was ich bin, bewege. Aber zu Hause muss nicht zwingend in der Heimat liegen, und Heimat kann manchmal ganz fremd sein.“

Umfrage zur persönlichen Bedeutung


„Alte Heimat, neue Heimat“, wie oft wir diese Wendung hör(t)en, sie liegt uns gleichsam im Ohr. Nun, Siebenbürgen ist für viele Landsleute Herkunfts- und Heimatregion. Nach bewältigter Integration verblasst diese geflügelte Wendung aber zunehmend. Das gilt insbesondere für Generationen, die hierzulande, wenn nicht geboren, so doch aufgewachsen sind. - Was bedeutet Heimat für Sie persönlich? Hierzu eröffnet die aktuelle Umfrage auf www.siebenbuerger.de vielfältige Antwortmöglichkeiten (Mehrfachantworten sind möglich): Heimat ist ein Gefühl der Geborgenheit, Sicherheit, Zufriedenheit; Heimat bedeutet für mich Familie, Freunde, Verwandtschaft; mein Geburtsort (in Siebenbürgen); mein heutiger Wohnort; meine deutsche Identität; Deutschland und sein demokratischer Rechtsstaat; Europa in seiner Vielfalt; kulturelle Prägung: Sprache, Mundart, Tradition und Brauchtum; Natur, Landschaft; im Zeitalter der Globalisierung eine überflüssige Gefühlsduselei.

An den ersten drei Tagen verzeichnete die Online-Umfrage bereits über hundert Teilnehmer. Bei der Umfrage des Monats Februar zum neuen Layout der Siebenbürgischen Zeitung war insgesamt nur 73-mal abgestimmt worden. Beteiligen auch Sie sich gerne an unserer Umfrage „Heimat bedeutet für mich…“, die noch bis zum 31. März auf der Startseite von www.siebenbuerger.de läuft.

Christian Schoger


Schlagwörter: Umfrage, Heimat, Bundespräsident, Steinmeier, Schriftstellerin, Gorelik, Russland, Flucht, Flüchtlinge, Vertreibung, Migration, Identität, Siebenbürgen

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