29. Juni 2016

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Dr. Bernd Fabritius: Staatsbesuch hat deutsch-rumänische Beziehungen gestärkt

Zur 60-köpfigen Delegation des Bundespräsidenten Joachim Gauck bei dessen Staatsbesuch in Rumänien (siehe SbZ-Berichte Bundespräsident Gauck auf Staatsbesuch in Rumänien und „Dieses Europa hier, das kannte ich noch nicht“) gehörte, neben dem aus Siebenbürgen stammenden Rocksänger Peter Maffay, auch der Verbandspräsident des Verbandes der Siebenbürger Sachsen in Deutschland und Präsident des Bundes der Vertriebenen, Dr. Bernd Fabritius. Der Bundestagsabgeordnete äußert sich im Gespräch mit Christian Schoger über die Themenschwerpunkte dieser Reise, die just in einer Zeitphase stattfand, da die Europäische Union in einer existenzbedrohenden Krise steckt: So wurden bei den verschiedenen offiziellen Treffen, allen voran mit Staatspräsident Klaus Johannis, europapolitische Fragen erörtert; im Fokus der Gespräche standen gleichfalls die deutsch-rumänischen Beziehungen, die Belange der rumäniendeutschen Minderheit und insbesondere das kulturelle Erbe der Siebenbürger Sachsen.
Herr Fabritius, welche Erfahrungen nehmen Sie rückblickend von dieser Delegationsreise mit?
Der Besuch des Bundespräsidenten in Rumänien, bei unserem Landsmann, Staatspräsident Klaus Johannis, in meiner Heimatstadt Hermannstadt und in der Brukenthalschule, einer der Eliteschulen unserer alten Heimat, die viele von uns geprägt hat, war sehr bewegend. Es war einmal mehr das deutliche Gefühl: „wir gehören dazu!“.


Bei den vorangegangenen Staatsbesuchen der Bundespräsidenten Gustav Heinemann (1971), Karl Carstens (1981), Roman Herzog (1995), Johannes Rau (2002) und Horst Köhler (2007) war unsere Verbandsspitze nicht in den jeweiligen Delegationen vertreten. Was bedeutet vor diesem Hintergrund die Einladung zur Teilnahme an der Reise von Joachim Gauck für Sie persönlich, für unseren Verband?
Nun, zuerst war ich als Mitglied des Deutschen Bundestages eingeladen. Dass die Wahl aber genau auf mich fiel, liegt sicher wesentlich daran, dass ich als Präsident des Bundes der Vertriebenen und Verbandspräsident des Verbandes der Siebenbürger Sachsen einen besonderen Bezug zu Siebenbürgen habe und der Bundespräsident einen Schwerpunkt auf den Besuch unserer Landsleute in der alten Heimat setzen wollte. Er wollte mit der Einladung unser gutes Miteinander im interethnischen Kontext in Rumänien, unsere grenzüberschreitende Verständigungsarbeit auf allen Gebieten und letztlich unser Wirken in Deutschland würdigen und dafür ein Zeichen der Anerkennung setzen. So galt die Einladung eigentlich nicht mir persönlich, sondern uns allen, den Siebenbürger Sachsen. Ein bisschen waren wir alle auf dieser Reise mit dabei. Beim Spaziergang durch die Altstadt von ...Beim Spaziergang durch die Altstadt von Hermannstadt: Verbandspräsident Dr. Bernd Fabritius im Gespräch mit Bundespräsident Joachim Gauck auf dem Großen Ring. Fotos: Werner Fink Welche politischen Botschaften hinterlässt dieser Staatsbesuch in Bezug auf Europa, die deutsch-rumänischen Beziehungen, aber auch auf die Belange der rumäniendeutschen Minderheit und nicht zuletzt das kulturelle Erbe der Siebenbürger Sachsen, respektive den Schutz und Erhalt unserer Kirchenburgen?
Bundespräsident Gauck war von dieser Reise sehr beeindruckt und hat das auch gezeigt. Er sagte, er habe ein Europa kennengelernt, das er so noch nicht kannte. Das hat man in Rumänien gerne gehört. Die Reise und besonders das hochrangige Programm war sicher ein guter Beitrag zur Stärkung der bilateralen Beziehungen. Es gab sehr gute und auch konstruktiv-kritische Gespräche mit Vertretern unterschiedlicher staatlicher Institutionen, der Zivilgesellschaft und der Wirtschaft. So wurden etwa die Erfolge im Kampf gegen Korruption und eine sich abzeichnende grundsätzliche Veränderung zum Guten in Rumänien thematisiert. Besonders gefreut hat mich, dass in den Gesprächen Staatspräsident Johannis etwa die Verbesserung des Rahmens für duale Berufsausbildung, ein deutsches Erfolgsmodell, angekündigt hat. Während der Reise durch Siebenbürgen, besonders bei dem Besuch der Kirchenburg Heltau, konnten Belange unseres Kulturgutschutzes besprochen werden. Beide Präsidenten haben die Schirmherrschaft über die Stiftung Kirchenburgen übernommen und wollen sich für den Erhalt dieser steinernen Zeugnisse unserer Kultur einsetzen.


In der Stadtpfarrkirche in Hermannstadt haben Sie Bundespräsident Gauck eine Tafel mit Namen von Landsleuten, die zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion deportiert wurden, gezeigt und auf die vom Bundestag beschlossene Entschädigungsleistung für ehemalige Russlanddeportierte hingewiesen. Wie hat Gauck auf diesen Sachverhalt reagiert?
Bundespräsident Gauck war über das Schicksal der zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion deportierten Deutschen aus Rumänien gut vorinformiert und zeigte sich tief bewegt. Er war interessiert zu erfahren, ob die Namen auch vor der Wende in unseren Kirchen als Anknüpfungspunkte der Erinnerung festgehalten waren, und dann darüber erfreut, dass unsere Kirchen auch damals schon einen gewissen Schutzraum für uns geboten haben. Bezogen auf die im Deutschen Bundestag durchgesetzte Entschädigung unserer Deportierten reklamierte er spontan die Verantwortung der Russischen Föderation als Nachfolgestaat der Sowjetdiktatur und eine Beteiligung Russlands an der Entschädigung (O-Ton Gauck laut Süddeutscher Zeitung: „Warum zahlt Putin die nicht?“; die Redaktion). Er hat damit eine Forderung aufgegriffen, die auch unser Verband in der Vergangenheit bereits thematisiert hat. Bundespräsident Gauck zeigt in der ...Bundespräsident Gauck zeigt in der Stadtpfarrkirche in Hermannstadt Interesse am Schicksal der in die Sowjetunion deportierten Deutschen aus Rumänien.
Wie haben Sie die verschiedenen Treffen von Staatspräsident Klaus Johannis und Bundespräsident Joachim Gauck wahrgenommen, inhaltlich wie zwischenmenschlich?
Es war deutlich wahrnehmbar, dass diese Treffen von gegenseitiger Wertschätzung und Achtung geprägt waren und sehr herzlich abgelaufen sind. Staatspräsident Johannis und seine Gattin Carmen Johannis haben uns nach den hochoffiziellen Treffen in Bukarest extra nach Hermannstadt und dort bei allen Besuchsstationen begleitet. Gerade der Besuch in „unserer“ Brukenthalschule und die Gespräche dort mit Schülern und Lehrern waren von Herzlichkeit geprägt und für alle Beteiligten ein Erlebnis.


Auch Peter Maffay gehörte der Delegation an, unser Siebenbürgisch-Sächsischer Kulturpreisträger 2014. Presseberichte zeigen ihn in verschiedenen Aufnahmen neben Bundespräsident Gauck in gelöster, herzlicher Stimmung. Hat der Hermannstadt-Besuch eine Freundschaftsanbahnung begünstigt?
Bundespräsident Gauck hat bewusst mit Peter Maffay und dem Nobelpreisträger Stefan Hell auch hoch anerkannte Vertreter der ausgewanderten Rumäniendeutschen auf die Reise mitgenommen und selbstverständlich wurden diese in die allgemein gute und herzliche Stimmung auf der Reise einbezogen. So etwas führt immer zur Anbahnung oder Festigung bestehender Freundschaft und Wertschätzung. Eine Freundschaftsanbahnung war sicher erfolgreich: diejenige zwischen Bundespräsident Gauck bzw. seiner Partnerin Daniela Schadt und Siebenbürgen. Spontan sagten beide, sie würden gerne „eine ganze Woche bleiben“ und sicher zurückkehren, sobald sie „in Rente“ seien.


Der Bundespräsident hat bei seinem Staatsbesuch in Rumänien die umstrittenen Äußerungen von Außenminister Frank-Walter Steinmeier über die Nato-Politik gegenüber Russland unterstützt mit der Aussage, die deutsche Diplomatie bemühe sich, Gesprächstüren nach Moskau offen zu halten. Halten Sie Steinmeiers Appell, dass die Nato in der aktuellen Lage stärker auf Entspannung und Dialog statt auf Abschreckung setzen solle, für begründet?
Für mich ist diese Aussage viel zu undifferenziert. Kerngehalt des Verteidigungsbündnisses ist die Verteidigungsfähigkeit und die Verteidigungsbereitschaft und deren abschreckende Wirkung. Gerade in einer Zeit, in welcher Russland offenkundig den Weg zurück in ein bipolares Weltgefüge sucht und etwa in der Ukraine, in der Moldau und sonst in der Region gezielt und strategisch destabilisiert, besteht erhöhter Bedarf an Sicherheitsfaktoren – die Nato ist zweifelsfrei ein solcher. Diesen Beitrag als „Säbelrasseln“ zu bezeichnen, halte ich für unnötig. Übungen der Nato sind ja weder Ersatz noch Alternative zum Dialog, sondern begleiten diesen. Weder die Nato noch die westliche Welt haben die Eskalation verursacht. Ich vermisse deutlich Signale der Entspannung seitens der Russischen Föderation, etwa durch die Umsetzung der Vereinbarung von Minsk oder die Rückkehr zu dem von uns jedenfalls dringend gewünschten guten dialoggeprägten Miteinander. Derartige Signale fehlen aus Moskau, so dass die Entspannung sehr einseitig und damit missverständlich wäre. Eine zutreffende Einordnung der Nato-Aktivität wäre nach meinem Dafürhalten der richtige Beitrag zur Deeskalation gewesen.


Großbritannien hat im Brexit-Referendum für den Austritt aus der EU gestimmt. Wie beurteilen Sie heute die Auswirkungen für die Stabilität Europas, für die europäische Integration?
Nun, das Referendum ist zuerst ein Internum Großbritanniens. Darüber muss nach den Regeln des in Großbritannien geltenden Staatssystems noch das Parlament entscheiden, und ich hoffe, dass die Ergebnisse und Analysen des Referendums in eine Entscheidung einfließen werden, die das Parlament in verantwortlicher Weise unter Beachtung des Votums künftiger Generationen treffen sollte, die von der Entscheidung faktisch betroffen sind.
Davon abgesehen halte ich nicht nur das Ergebnis des Referendums, sondern dessen Durchführung an sich schon für einen großen Fehler. Es rächt sich bitter, dass im politischen Diskurs in Großbritannien, aber auch in Europa im Allgemeinen und leider auch in Deutschland Europa und die Europäische Union fast nur noch ausschließlich kritisch hinterfragt und als Sündenbock für alles Schlechte dieser Welt hingestellt wird, anstatt auch die unbestreitbaren Vorteile für alle darzustellen. Wenn eine Regierung über Jahre hinweg mit Europakritik Innenpolitik betreibt – man spricht schon von „Cameronismus“ –, dann wird sie unglaubwürdig, wenn sie später versucht, gezielt zerstörtes Vertrauen in ein derart wichtiges Gemeinschaftsprojekt wiederherzustellen.


Auch Europa hat Fehler gemacht.
In der Tat. Zu viel Regelung im Kleinen, bis über die Grenze des Nachvollziehbaren hinweg, und zu wenig Kommunikation für die Zusammenhänge im Großen haben letztlich zu Europa-Frustration geführt. Eine solche ist gefährlich, besonders wenn Rosinenpickerei dazu kommt. Kritikwürdiges sollte nach meiner Auffassung eben konstruktiv geändert und nicht nur in Bashing-Manier niedergemacht werden. Wenn nationale Politiker nicht aufhören, Europa nur darauf hin zu durchleuchten, ob es punktuell für ein konkretes Interesse nun einen Vorteil oder einen Nachteil bedeutet, wenn sich der Wettbewerb der Egoismen fortsetzt, besteht durchaus eine Gefahr für dieses größte Friedensprojekt und den größten Wohlstandsmotor der Nachkriegszeit.


Nochmals zurück zum Staatsbesuch. Der Bundespräsident würdigte die friedliche Koexistenz der deutschen Minderheit und der anderen Ethnien in Rumänien: „Dieses schöne Miteinander, das möchte ich, dass das unser Eindruck von Europa ist.“ – Was leiten Sie aus dieser starken Aussage für unser siebenbürgisch-sächsisches Identitätsbewusstsein ab?
Der Bundespräsident hat uns klar durchschaut: Siebenbürger Sachsen sind ganz besonders gute Europäer, und das seit vielen Jahrhunderten.


Vielen Dank für das Gespräch!

Schlagwörter: Interview, Fabritius, Bundespräsident, Gauck, Staatspräsident, Johannis, Rumänien, Reise, Delegation, Bukarest, Hermannstadt, Heltau, Europäische Union, Brexit, Referendum, Russland, Putin, Deportation, Entschädigung

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