30. November 2015

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Leserecho: Ein positives Zeichen

Zum Artikel „Wie das Salz in den Speisen“, Offener Brief von Ursula Ackrill an die Leser ihres Debütromans, veröffentlicht in der SbZ Online vom 25. Oktober 2015 und abgedruckt in Folge 17 vom 5. November 2015, Seite 7.
Dass in der Siebenbürgischen Zeitung ein Offener Brief von Ursula Ackrill an die Leser ihres Debütromans „Zeiden, im Januar“ abgedruckt wurde, in dem sie klare Worte an die Unbelehrbaren und rumäniendeutschen Geschichtsrevisionisten richtet, ist ein positives Zeichen. Ackrill weist mit Recht darauf hin, dass bei einigen Siebenbürger Sachsen ein „gewisses Unverständnis darüber herrscht, warum sich jemand die Mühe mache, ihre eigene Geschichte abwertend darzustellen“. Diese Sicht kann ich nach der Veröffentlichung meiner fünf Bände über die Geschichte der deutschen Volksgruppe in Rumänien von 1919 bis Ende 1944 teilen; mir wurde sogar in Briefen gedroht (siehe Johann Böhm/Klaus Popa: „Vom NS-Volkstum- zum Vertriebenenfunktionär“, Peter Lang, Internationaler Verlag der Wissenschaften, Frankfurt am Main, 2014), weil ich mich mit der Geschichte der Siebenbürger Sachsen in der einzigen verantwortungsvollen Weise auseinandergesetzt hatte.

Ich konnte und kann nur schwer verstehen, wie auch Ursula Ackrill, dass ein Teil der Siebenbürger Sachsen, denen Hilfe für den Nächsten, für Verwandte, Nachbarn ebenso verständlich war wie Mitleid, Fürsorge, Liebe, dass dieselben Menschen nach 1933 und ganz besonders nach 1940 sich fanatisch zu politischen Gewaltideen, die es in dieser Konsequenz zuvor nie gegeben hatte, hinreißen ließen und sich nach 1945 nicht von der verbrecherischen Rassenpolitik distanzierten. Wo NS-Gesinnung gepflegt wurde, wie ich anhand von Recherchen feststellte, machte sich ein Gemisch aus Trotz und Wut breit, das jede Bereitschaft ausschloss, sich zu den begangenen Fehlern der Vergangenheit zu bekennen und Verantwortung zu übernehmen (siehe Johann Böhm: „Hitlers Vasallen der Deutschen Volksgruppe in Rumänien vor und nach 1945“, Peter Lang, Europäischer Verlag der Wissenschaften, Frankfurt am Main, 2006). Die Schuldabwehr nach 1945, wie sie sich in den kollektiven Affekten ausdrückte, hatte bei diesen Personen die Persönlichkeitsspaltung konserviert und damit auch den Verlust der Humanität. Dies wird beispielsweise ersichtlich, wenn Ursula Ackrill mit Recht schreibt: „Die Denkschrift von 1945 hat aus verständlichen Gründen das Profitieren der deutschen Volksgruppe in Rumänien von der verbrecherischen Rassenpolitik der Nazis verschwiegen. Verständlicherweise redete man in Siebenbürgen die Geschichte schön und betonte, wenn man darauf angesprochen wurde, die Distanz der Siebenbürger Sachsen zum Faschismus. An der Schönfärberei ihrer Geschichte hielten die Rumäniendeutschen auch fest, als in den sowjetischen Zwangsarbeitslagern allein ihr Deutschsein sie mit Nazis identisch machte.“

Mit Recht kann sich ein gewisser Teil der Siebenbürger Sachsen unschuldig nennen, schwer zu verstehen ist jedoch, warum gerade diese Deutschen jene Personen, die die Kriminalität des staatlich institutionalisierten Nationalsozialismus innerhalb der deutschen Volksgruppe in Rumänien unterstützten, nach 1945 in der Führung der Landsmannschaft tolerierten. Nach jahrelangen Recherchen und lehrreichen Erfahrungen hat sich bei mir die Erkenntnis durchgesetzt, dass bei den Siebenbürger Sachsen der „Friede mit den Nazis“ nach 1945 intern, und nichts als intern war. Und dabei hat es nie wirklich und ernsthaft zur Debatte gestanden, Gerechtigkeit zu finden und Sühne zu üben, sondern stattdessen nur die Mittel und Wege, mit deren Hilfe die direkten und die indirekten Täter und Tätergruppen davonkommen konnten. Wie wir in Zukunft mit der Geschichte der Deutschen in Rumänien in der Zwischenkriegs- und Kriegszeit umgehen, so wird man uns auch beurteilen.

Dr. Johann Böhm, Dinklage


Lesen Sie dazu auch die Besprechung des Romans „Zeiden, im Januar“ (SbZ Online vom 24. März 2015).

Schlagwörter: Leserecho, Ackrill, Roman, Geschichte

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