16. Juli 2020

Doppelter Geburtstag der Germanistik in Hermannstadt

Besprechung des Buches „Literaturgeschichte und Interkulturalität. Festschrift für Maria Sass“. Herausgegeben von Doris Sava und Stefan Sienerth. Verlag Peter Lang, Berlin, 2019, 532 Seiten, 89,95 Euro, ISBN 978-3-631-79521-7.
Jubiläumstagung 50 Jahre Germanistik in ...
Jubiläumstagung 50 Jahre Germanistik in Hermannstadt am 25. Oktober 2019, von links Prof. Dr. Maria Sass, langjährige Leiterin des Germanistiklehrstuhls der "Lucian Blaga Universität" Hermannstadt, Doz. Dr. Doris Sava, Mitarbeiterin am Lehrstuhl, und Prof. h.c. Dr. Dr. h.c. Stefan Sienerth, von 1974 bis 1986 als Hochschullehrer dieser Institution (Tagungsbericht in der SbZ Online vom 11. November 2019). Foto: Marius-Daniel Stroia
Schön an der schönen Literatur ist nicht sie allein, vielmehr wird selbst dieses schmückende Beiwort oft hinterfragt. Umso schöner ist dafür, dass es – vielleicht ungeahnt – viele Leute gibt, die sich beruflich, gar wissenschaftlich mit solchen Fragen und Hinterfragen befassen, auf dass wir alle unsere Freuden und Vorbehalte, unseren Genuss und unser Missbehagen immer von Neuem erwägen und gewichten können. Die Produkte dieser Leute nennt man dann Sekundärliteratur, drum ist es fast lustig, wenn hier einer daherkommt und noch ein Stück sozusagen Tertiärliteratur produziert (Text zu Texten zu Texten). Hoffentlich gereicht dieses „fast lustige“ Beginnen nicht nur zu allgemeiner Unlust.

Einen „doppelten Geburtstag(es) – 50 Jahre Germanistik in Hermannstadt und 60. Geburtstag von Maria Sass, der langjährigen Leiterin dieses Lehrstuhls“ – feiert ein Buch, das vielseitig zu nennen nicht nur der Doppelsinn des Wortes nahelegt. Fürwahr vieles bringen die Herausgeber auf den 532 Seiten und werden manchem etwas bringen, der sich vor lauter Scrollen das Blättern noch nicht abgewöhnt hat: „Zur Person der Jubilarin“, „Zur Geschichte der rumäniendeutschen Literatur“, „Zur Geschichte der deutschen Literatur“, „Sprachwissenschaft, Didaktik, Übersetzungen und Komparatistik“, wie zum Beweis, dass es nicht nur Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, von denen die Wissenschaft nichts ahnt, sondern in letzterer gar viele, von denen Himmel und Erde keine Ahnung haben. Nicht nur Ahnung, sondern Wissen vermittelt diese Festschrift, minder festlich erhaben als fleißig erarbeitet.

Wer hätte etwa geahnt, dass schon der Name Maria Sass zum Anlass genommen werden kann, mannigfache philologische Überlegungen anzustellen, wie das Adina-Lucia Nistor, Sigrid Haldenwang und Radu Drăgulescu tun? Oder dass allein die Bio-Bibliographien von Kronstädter Übersetzern, die Horst Schuller mit gewohnter Akribie – wiederum in des Wortes doppeltem Sinn – „erhoben“ hat, 31 Seiten füllen? Nicht nur in statistischer Hinsicht beeindrucken die Zeugnisse über die „Rezeption deutschsprachiger Kulturerzeugnisse in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der rumänischen Presse Hermannstadts“ von Carmen Popa oder Doris Savas Einblick in die lexikographische Erfassung auslandsdeutschen Reichtums an Sprachvarianten, auch Holger Vierecks Bericht über sieben „Großartige Veranstaltungen in Hermannstadt“ unter der Ägide von Maria Sass bleibt nicht im Protokollarischen stecken, sondern schwingt sich auf zu Erkenntnissen, was Heimat alles sein kann – wenn man sie mit „deutschen und auch (…) nationalen und internationalen Studenten“ seminarisiert.
Blick aufs Publikum während der Jubiläumstagung ...
Blick aufs Publikum während der Jubiläumstagung 50 Jahre Germanistik am 25. Oktober 2019 in Hermannstadt. Foto: Marius-Daniel Stroia
Das bewundernde Staunen über die philologischen Leistungen lässt sprachliche Misslichkeiten wie diese geringfügig erscheinen. Lächeln mag über Roxana Nuberts unschlüssiges Gleiten zwischen den Konjunktiven I und II oder Sunhild Galters Formulierung „mit Abstand nicht der erste“ nur, wer die Arbeit geringschätzt, die hinter der Bibliotheksrecherche der Ersteren zur Rezeption Nikolaus Lenaus in der deutschsprachigen Presse des Banats oder hinter der erhellend vergleichenden Schau der Letzteren über drei deutsche Novellen mit Spielarten des Romeo-und-Julia-Motivs (Brentano, Kleist, Keller) steckt. Erhellend vergleicht auch Veronica Buciuman die Spuren von Traumata im Zeichen einer „Poetik der Angst“ in Texten von Herta Müller, Aglaja Veteranyi und Carmen Francesca Banciu, selbst wenn dabei von einer „existenziellen Angstproblematik“ die Rede ist, „deren Auslösung (…) gründet“ – so dass man sich eines, um im Stilregister zu bleiben, Bedrängnisgefühls nicht erwehren kann.

Gerade über die Sprache(n) und deren Interferenzen, diesmal bei Ursula Ackrill, weiß dafür Mariana-Virginia Lăzărescu nachgerade verständnisinnig zu räsonieren, Andrei Terian hält Maria Sass zu Recht das Feingefühl zugute, mit dem sie den eingleisigen Begriff „Einflüsse“ im siebenbürgischen Kontext durch „Konkordanzen“ ersetzt, und Markus Fischer vermag schon dem Titel von Oscar Walter Ciseks Erzählung „Das entfallene Gesicht“ sinnige Nuancen abzugewinnen – man muss eben nur im Duden blättern, schon findet man einen Weg sogar im irisierenden Bukarest des halbasiatischen Altmeisters.

Wie viel Freude Blättern gemeinhin macht, exerziert mit viel Verve Gabriel H. Decuble in seiner Tour de force von Aristoteles bis Peter Sloterdijk mit Blick auf die „Artistenmetaphysik“ Friedrich Nietzsches vor, der „niemals zur Bonhomie des temperamentlosen Handwerkers fand“. Ebenso bewundernswert scharfe Blicke werfen Ioana Crăciun, Maria Irod und Olivia Spiridon auf Künstler, die auch heute nicht im Rampenlicht stehen: F. W. Murnau, Leopold von Sacher-Masoch, Johannes Weidenheim. Die nicht nur philologisch und kulturhistorisch umtriebigen, sondern auch dem Charme des scheinbar Abgelegenen und doch so Naheliegenden zugetanen Autorinnen zeigen, dass man diese Persönlichkeiten tunlichst nicht aus dem Blick verlieren sollte, weil man nur noch Augen für Namen hat, die dauernd in den verwundenen Gassen der Kulturgeschichte plakatiert werden. Eine Zeitgenossin, die diesen Altvorderen des „dritten Raumes“ an diskretem Glanz und Raffinement nicht nachsteht, setzt Grazziella Predoiu ins rechte Licht: Ilma Rakusa.

Ihre Verbundenheit mit der Hermannstädter Germanistik und ihrer – wie man sich in Rumänien feierlich zu gebärden pflegt – Amphytrionin Maria Sass bekunden mit Beiträgen aus der je eigenen Werkstatt auch Iulia-Karin Patrut, Carmen Puchianu, Delia Cotârlea, Ellen Tichy, Eugen Christ, Nadjib Sadikou, Ştefan Baghiu und George Manolache. Zu Themen von der Emanzipation über die Migration bis zur Translation finden sich da Anregungen und Überlegungen, die allesamt zu bedenken geben: Die Beschäftigung mit Sprache und Literatur ist zuvörderst eine von Menschen mit Menschen und geht alle an. Man mag sogar schmunzeln bei Mutmaßungen, ob wohl Herta Müller in ihrem unfreundlichen Exil als Übersetzerin in der weiland sozialistischen Industrie jemals mit dem Terminus technicus „Resilienz“ konfrontiert gewesen ist, den jetzt Iulia-Karin Patrut in exegetischem Eifer ihrer Prosa anlegt.

Unfreundliches Exil, um das Allermindeste zu sagen: Das prägte über Jahrzehnte nach dem Krieg die Grundbefindlichkeit rumäniendeutscher Literatur. Spät erst haben jene, die seine stalinistischen Härten bis ins Mark getroffen, die es in Wort und Werk – nicht nur dem dichterischen – erlitten haben, überhaupt so tief Atem holen können, dass sie uns „begnadet“ Spätgeborenen etwas davon im Imperfekt zuraunen. Stefan Sienerth fordert am Beispiel des Kronstädter Schriftstellerprozesses von 1959 und eines der Opfer in aller freundlichen Sachlichkeit zu nachgetragenem Verständnis auf: „Obwohl ich (…) mit Georg Scherg (…) zusammenarbeiten durfte und ein recht gutes Verhältnis zu ihm hatte, habe ich von diesem Prozess, von Schergs Verhaftung und seinen Gefängniserlebnissen recht wenig mitbekommen. Und so wie mir dürfte es (…) auch anderen Interessierten meiner Generation ergangen sein – wir hatten damals äußerst vage Vorstellungen von diesen Geschehnissen“. Es versteht sich von selbst, dass er „das hier anführen darf“. Bei aller wissenschaftlichen Strenge muss Empathie ein erster Beweggrund sein. Die muss man Sienerth zufolge den Opfern des Prozesses ebenso einräumen wie Erwin Wittstock oder Konrad Möckel, Heinrich Zillich oder Karl Kurt Klein – will man nicht das geistfeindliche Erbe der Securitate antreten.

Deren unselige Saat sprießt nach wie vor, selbst die Ernte eines Wolf von Aichelburg könnte, so man es darauf anlegte, post mortem damit vergiftet werden, zeigt Ovidiu Matiu. Punktuellen Trost mögen die sentimentalen, aber gewohnt illusionsabstinenten Briefe Emil Ciorans an den deutschen Kollegen im aussichtslos geliebten Hermannstadt bieten, die Rodica Brad gelesen hat. Der Pariser Prediger der Hoffnungslosigkeit freut sich über den Klang rumänischer Poesie in deutscher Übersetzung, beklagt seine eigene „absurde österreich-ungarische Nostalgie“ und als einen der Irrtümer seines Lebens, dass er nicht das deutsche Gymnasium in Hermannstadt besucht hat, ja er, dem Gefälligkeitsfloskeln fremd sind, feiert die „poetische Würde“ von Aichelburgs Elegien. In seinem letzten Brief erinnert sich Cioran 1987 angesichts des sächsischen Exodus „gebrochenen Herzens“, dass er 1933 in einer Hermannstädter Zeitung geschrieben hat, die Sachsen seien „eine moralische Oase auf dem Balkan“.

Alles vergangen, weiß Emil Cioran, wissen wir, immerhin dürfen wir uns freuen, dass wir es in diesem Buch nachlesen können.

Georg Aescht

Schlagwörter: Rezension, Literatur, Germanistik, Hermannstadt, Tagung, Universität, Stefan Sienerth

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