3. April 2022

Nadine Schneiders Romane „Drei Kilometer“ und „Wohin ich immer gehe“

Unter dem Titel „Unerhörte Familiengeschichten aus dem östlichen Europa“ veranstaltet das Potsdamer Deutsche Kulturforum östliches Europa seit 2020 unter der Federführung von Dr. Ingeborg Szöllösi in Berlin eine Lesereihe mit deutschsprachigen Autoren und deren Büchern zu Themen aus dem östlichen Europa. Zu Gast waren bisher unter anderem Jan Koneffke mit seiner Kannmacher-Trilogie, Dana von Suffrin („Otto“), Martin Pollack („Die Frau ohne Grab“) und Ulrich Trebbin („Letzte Fahrt nach Königsberg“).
Dr. Ingeborg Szöllösi (links) und Dr. Michaela ...
Dr. Ingeborg Szöllösi (links) und Dr. Michaela Nowotnick während der Veranstaltung in Berlin. Foto: Alfred Schadt
Am 26. Februar stand mit Nadine Schneider eine junge Autorin mit ihren Romanen „Drei Kilometer“ (2019) und „Wohin ich immer gehe“ (2021) auf dem Programm. Obzwar 1990 in Nürnberg geboren, beschäftigt sie die Geschichte ihrer aus dem Banat stammenden Familie. Neben Iris Wolff gehört Nadine Schneider zu den jungen Autorinnen, die aufgrund ihrer Biografie eine neue Sicht auf das Leben der deutschsprachigen Bevölkerung in Rumänien haben. Leider war die Autorin krankheitsbedingt nicht anwesend, so dass die Präsentation von der Literaturwissenschaftlerin Dr. Michaela Nowotnick übernommen wurde, einer ausgewiesenen Kennerin der rumäniendeutschen Literaturszene.

Bereits Nadine Schneiders Debütroman „Drei Kilometer“ erregte die Aufmerksamkeit der Fachwelt und erhielt mehrere Preise, u.a. den Hermann-Hesse-Förderpreis und den Literaturpreis der Stadt Fulda. Es ist die Geschichte dreier Freunde, Anna, Hans und Misch, in einem Dorf im Banat, drei Kilometer von der jugoslawischen Grenze entfernt, im Sommer 1989. Aus der Sicht der Ich-Erzählerin Anna erlebt der Leser das Dorfleben in der Diktatur, die Hoffnungslosigkeit der Jugend, aber zugleich auch die Vertrautheit des Dorflebens. Im Mittelpunkt steht die Frage: Gehen oder Bleiben. Nach und nach verschwinden immer mehr Freunde und keiner weiß, ob ihnen die Flucht gelungen ist, ob sie verhaftet wurden oder ob sie überhaupt noch leben. Sowohl Hans als auch Misch wollen fliehen, doch sie müssen sich schnell entscheiden, bevor der Mais geerntet ist, der ihnen Schutz bietet. Nur Anna will bleiben, ihre Heimat nicht verlassen. Sie sieht die Einsamkeit im Blick ihrer ausgewanderten Cousine und das Warten der Tante, das zu deren Charaktereigenschaft geworden ist.

Doch wie lange ist unter diesen Bedingungen ein Zuhause noch ein Zuhause? Nach und nach schleicht sich auch in das Verhältnis der Freunde Misstrauen. Kann man Hans noch trauen? Gibt es nicht Anzeichen von Verrat? Und dann ist Misch verschwunden, geflohen.

Von den zunehmenden Protesten in der Stadt erfährt man im Dorf nur gerüchteweise, man kann es nicht recht glauben. Erst am Schluss des Romans werden Hans und Anna damit direkt konfrontiert. Und nach dem Sturz der Diktatur bleibt die Zerrissenheit zwischen Bleiben und Gehen und die Unbedingtheit einer Entscheidung. Wie sich Anna entscheidet, erfahren wir am Ende. Neben diesen existenziellen Fragen der Jugendlichen besticht der Roman durch die Bilder des Dorfalltags; wenn auch manchmal pathetisch, wird die Verortung dieser Bilder durch sprachliche Eigenheiten wie Vinete, Ciorba, Mici, Kukuruz, Weidling u.a. veranschaulicht.

Im Mittelpunkt der Buchpräsentation stand jedoch Nadine Schneiders neuer Roman „Wohin ich immer gehe“. Der Sinn dieses zunächst befremdlichen Halbsatzes erschließt sich erst auf der letzten Seite des Buches. Hier werden im ersten Roman angedeutete Themen aufgegriffen, verfolgt und durch neue ergänzt, Themen wie Geborgenheit und Fremdheit, alte und neue Heimat, Vertrauen und Misstrauen. Auch hier geht es um die Vergangenheit und Geschichte eines Dorfes im Banat und um die Unentrinnbarkeit der eigenen Biografie: „Man konnte seine Familie verlassen, man konnte hunderte von Kilometern zwischen sich und die Orte seiner Kindheit bringen, (…) aber eine Familie ließ sich nicht loswerden“.

Aus der Sicht eines außenstehenden, auktorialen Erzählers folgen wir dem Protagonisten Johannes Seeler. Erzählt wird nicht chronologisch, sondern durch Zeitsprünge und Rückblenden entsteht ein Mosaik von Johannes‘ Leben, seiner Familie und des Dorfes. Johannes flieht 1987 allein über die Donau, nachdem sein Freund David, der mit ihm die Flucht geplant hatte, verschwunden ist. Sein Verschwinden ist eine der Leerstellen im Roman. War es Verrat und wenn, von wem? In Nürnberg angekommen, schlägt sich Johannes mit verschiedenen Jobs durch, bis er eine Lehre als Hörgeräteakustiker beginnt und eine eigene Wohnung bezieht, doch diese bleibt kahl. Als Flüchtling ist er ein Außenseiter. Sorgfältig baut hier Nadine Schneider eine Metaphorik auf, die sich leitmotivisch durch den Roman zieht, ob Schwimmen oder die Schwerhörigkeit, an der eine Reihe von Familienangehörigen leiden und an der auch Johannes zu leiden glaubt. Er erinnert sich an den Tag, an dem sein Vater ihm das Schwimmen beibringen wollte und ihn einfach aus dem Boot in den Weiher stieß.

Nach Jahren des Schweigens erreicht ihn eines Tages ein Brief mit der lapidaren Nachricht seiner Mutter: „Vater ist umgefallen und nicht mehr aufgestanden. Das Begräbnis ist am 3. Deine Mutter“. Es ist 1993, sechs Jahre nach seiner Flucht. Gehen oder Bleiben, einmal mehr stellt sich ihm diese Frage, wenn auch diesmal in umgekehrter Form. „Eine Art vererbter Knigge (…) Zum Begräbnis des eigenen Vaters fuhr man jedenfalls“, auch wenn ihm der Gedanke Unbehagen bereitet. Bevor er aufbricht, erinnert er sich an seinen Vater, einen Säufer, der die Familie und besonders ihn tyrannisiert hat, an seinen Bruder, der Suizid begangen hat wie eine Reihe anderer Familienangehöriger, worüber aber nicht gesprochen wurde. Er erinnert sich an seinen Freund David, in den er verliebt ist und mit dem er erste erotische Erfahrungen macht.

Zurück in der „alten“ Heimat empfindet er wieder die Unaufrichtigkeit, das Geheimnisvolle und Feindselige, einige der Gründe, warum er geflohen ist. Eine der besten Szenen des Romans ist die grotesk anmutende Unterhaltung der Trauergesellschaft nach der Beerdigung des Vaters. Lautstark reden alle durcheinander, wobei jeder frustriert ist, die einen, weil ihnen niemand zuhört, andere, weil sie nicht zu Wort kommen. Dabei wird deutlich, dass Johannes die in ihn gesetzten Erwartungen nicht erfüllt hat: „Kaa Doktor. (…) Ka Frau und nit studiert, was hast g’macht so lang in Deitschland?“.

Johannes geht zu Davids Haus mit dem „halbabgestorbenen Aprikosenbaum“, doch die Familie ist weggezogen, wie er von seiner Mutter erfährt. Er erinnert sich an die Besuche bei Davids Mutter, nachdem dieser verschwunden war, und die Lüge, er sei im Spital. Doch als er eines Tages dort nachfragt, erfährt er, dass David da nie Patient war. Ebenso denkt er an den „beigen Mann mit dem Allerweltsgesicht“, der immer auf der gegenüberliegenden Straßenseite stand. Jeder in der Familie hat sein Geheimnis, so auch seine Stadt-Großmutter, deren Geheimnis ihr Parteibuch ist, um dessen Herkunft sich viele Geschichten rankten. Sie war anders als der Rest der Familie und als Johannes mit seinen Gefühlen nicht weiterwusste, beichtete er ihr seine Liebe zu David. Ob sie David verraten hat, bleibt offen, denn Klarheit kann es nur geben, wenn man darüber spricht.

Zurück in Nürnberg geht er zum HNO-Arzt, der ihm den Pfropfen aus dem Ohr entfernt und damit Klarheit schafft, dass er die familiäre Schwerhörigkeit nicht geerbt hat. Und ab dem kommenden Herbst hat er einen eigenen Garten in der Kleingartenanlage gemietet.

Doch was bleibt, ist auch die Erinnerung an Großmutters Lieblingslied: „Wohin ich immer gehe, ich fühle deine Nähe“.

Alfred Schadt


Die Aufzeichnung der Veranstaltung finden Sie auf dem YouTube-Kanal des Kulturforums.

Nadine Schneider: „Drei Kilometer“, Jung & Jung, Salzburg, 2019, 160 Seiten, 20 Euro, ISBN 978-3-99027-236-7
Nadine Schneider: „Wohin ich immer gehe“, Jung & Jung, Salzburg, 2021, 260 Seiten, 22 Euro, ISBN 978-3-99027-256-5

Schlagwörter: Lesung, Buchvorstellung, Berlin, Banat, Literatur

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