8. November 2020

20 Jahre Siebenbuerger.de - Gunther Krauss: „Nur nachhaltige Lösungen sind gute Lösungen“

Webmaster Gunther Krauss im Gespräch mit Christian Schoger zum 20-jährigen Jubiläum von Siebenbuerger.de, dem Internetauftritt des Verbandes der Siebenbürger Sachsen in Deutschland
Gunther Krauss ...
Gunther Krauss
Name: Gunther Krauss
Alter: 44
Herkunftsort: Alzen
Wohnort: Bonn
Beruf: Diplom-Mathematiker
Webmaster: seit Juni 2007


Gunther, von dem berühmten Astronom Johannes Kepler stammt das Zitat: „Die Mathematik allein befriedigt den Geist durch ihre außerordentliche Gewißheit.“ Du bist 2007 zum Webmaster-Team gestoßen. Wie kam es zu diesem ehrenamtlichen Engagement? Was verbindet dich als Mathematiker seit 13 Jahren mit Siebenbuerger.de?

So wie ein Marathonläufer gute Voraussetzungen zum Postboten mitbringt, kann auch ein Mathematiker leicht zum Programmierer werden. Hobbypsychologen würden wohl eher frühkindliche Erfahrungen ins Felde führen: Ich habe schon als Kind viel und gerne gebastelt. Da ich trotz der sieben Jahre im Drabenderhöher Exil vom Hausbauvirus verschmäht wurde, fröne ich meiner Bastelleidenschaft nicht in der Garage des Eigenheims, sondern an der Tastatur des Personal Computers.

Als die Webmaster von Siebenbuerger.de im Jahr 2007 einen Relaunch planten, fragte mich Günther, mein früherer Nachbar, mit dem ich seit 2005 schon einige Web-Projekte umgesetzt hatte, ob ich ein maßgeschneidertes Redaktionssystem für die Online-Zeitung entwickeln könnte. Nach der erfolgreichen Zusammenarbeit beim Relaunch boten mir die Webmaster an, Teil des Webmasterteams zu werden. Da mir die Arbeit viel Freude bereitet hatte und es vor allem auch zwischenmenschlich gut passte, sagte ich sofort zu. Mittlerweile habe ich länger für Siebenbuerger.de gewerkelt, als ich in Siebenbürgen gelebt habe.

Du bist technikbegeistert und damit goldrichtig bei Siebenbuerger.de. Daneben hast du aber auch ein Faible für Mundart und das manifestiert sich auf Siebenbuerger.de wie?

Weil ich schon früh bei den Synkopen der „Recklich Med“ gestolpert bin und mir die bestickten Hemden etwas zu tailliert waren, habe ich nie eine engere Bindung zu Volkstänzen und Trachten entwickelt. Für mich ist die Mundart ein wichtiger Aspekt der siebenbürgisch-sächsischen Kultur. Nachdem Robert Mitte 2007 endlich die ersten CDs mit Tonaufnahmen des Linguistikinstituts Bukarest erhalten hatte, waren wir schon nach kurzem Anhören davon begeistert. Wir waren uns ­sicher, dass die Aufnahmen aus den siebziger Jahren nicht nur sprachwissenschaftlich relevant, sondern auch wichtige Zeugnisse siebenbürgisch-sächsischen Lebens sind und daher auch Nichtfachleute interessieren würden. Bis die Rohaufnahmen von den CDs auf der Webseite landeten, wo sie heute jeder anhören kann, war viel Arbeit und Einsatz nötig. Zusammen mit der Herausgabe der Märchen-CD, die wir aus den Aufnahmen zusammengestellt haben, sind es wohl die wichtigsten Einzelprojekte, an denen ich beteiligt war.

Wo setzt du darüber hinaus eigene Akzente beim Webauftritt unseres Verbandes?

Ich lege großen Wert darauf, dass die Webseite den technischen Standards entspricht. Da kommt dann doch der Mathematiker durch, der nach möglichst allgemeingültigen Lösungen sucht. Man kann es sich einfach machen und schnell etwas reinflicken, wenn ein fehlerhafter Browser die Seite nicht korrekt darstellt. Aber nur wenn diese Lösung den Regeln entspricht, hat man zwar keine „außerordentliche“, aber hinreichend gute „Gewissheit“, dass die Seite auch zukünftig funktionieren wird. Ich finde, nur nachhaltige Lösungen sind gute Lösungen. Der höhere Aufwand macht sich später bezahlt. Unsere 2007 erstellte Webseite hat auch 2020 technisch funktioniert, selbst wenn sie etwas altbacken und auf manchen Geräten umständlich zu bedienen war. Andere Seiten, die 2007 noch für den damaligen Platzhirschen Internet Explorer optimiert waren oder mit supermodernen Flash-Animationen beeindruckten, wären zehn Jahre später ohne Überarbeitung auf vielen neuen Geräten kaum lesbar gewesen.

Dieses Wirken bleibt dem Besucher der Seite in der Regel verborgen. Fürs Auge hingegen sind die geografischen Visualisierungen. Da ich mich in den letzten Jahren beruflich vermehrt mit geografischen Informationssystemen (GIS) befasst habe, hat auch Sieben­buer­ger.de davon profitiert. Beispiele sind die Darstellung der Veranstaltungsorte auf dem Stadtplan in der Heimattag-Web-App oder die Anzeige der Kreisgruppenumrisse.

Die Interessen und Vorlieben der Seitenbesucher sind höchst vielfältig. Was aus dem breiten Spektrum an Angeboten von Information und Kommunikation würdest du gleichsam als Geheimtipp empfehlen, und weshalb?

Vermutlich bin ich nicht der einzige Vielleser, der neben einer Bücherwand auch einen eBook-Reader sein Eigen nennt. Ich kann daher allen die eBook-Version der SbZ-Online-Artikel empfehlen, sollte jemand auf der berühmten einsamen Insel landen – oder auch nur in einem Zug ohne Steckdose und Internet sitzen. Man kann sich sowohl die aktuellsten Artikel als auch Artikel zu bestimmten Themen oder Suchbegriffen vorab als eBook laden und diese dann augen- und akkuschonend auf dem eBook-Reader lesen.

Bei so einem komplexen Langzeitprojekt wie unserem Webauftritt kann nicht immer alles auf Anhieb funktionieren. Da ereignen sich doch sicher auch Pannen, Hand aufs Herz.

Die dümmste Panne ist mir 2007 passiert, als ein fehlerhaftes Skript im Hauptverzeichnis „ rm -rf * “ ausgeführt hat – sprich: „lösche alles“. In drei Zehntelsekunden – eine Zehntelsekunde bis ich es gemerkt habe, eine Zehntelsekunde Schockstarre, eine Zehntelsekunde Reaktionszeit, um auf die Abbrechtaste zu hauen – waren schon gut 100 Dateien gelöscht. Zum Glück gab es ein Backup – sonst hätte ich in weniger als einer Sekunde meine in sechs Monaten erworbene Reputation zunichte gemacht.

Wie lautet deine Botschaft an die Netzwelt?

Misstraut den „Botschaften“. Vor allem, wenn sie kürzer als 160 Zeichen sind ;)

Vielen Dank für das Gespräch.

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Schlagwörter: Siebenbuerger.de, Internetportal, Webmaster, Jubiläum, Mathematiker, Relaunch, eBook

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  • 10.11.2020, 03:30 Uhr von Doris Hutter: Gunther, die im Hintergrund, jedoch gar nicht graue Eminenz, wie man hier erfährt, entpuppte sich ... [weiter]

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